Tag 348 – Die Welt wird kleiner, das Netz enger

Nachdem ich Renate verabschiedet hatte, die noch allein ins Tal absteigen musste, um zu einem Bahnhof zu gelangen, stieg ich hinunter zum Glaswaldsee. Er lag wunderschön eingebettet zwischen Steilhängen und einem Fichtenwald. Der Weg hinunter war steinig, und wohl wegen des verlängerten Wochenendes kamen mir noch viele Wanderer entgegen. Aber es lag Regen in der Luft. Sehr viel Regen. Man konnte förmlich spüren, wie sich das Wetter verändern würde.
Am Seeufer gab es eine Hütte, die ich noch erreichen wollte, ehe es losging. Dass ich an diesem Tag überhaupt schon wieder fünfzehn Kilometer gegangen war, grenzte an ein kleines Wunder. Am Vortag hatte ich mir nicht einmal zugetraut, die Beine vor die Hütte zu setzen. Ich war noch immer geschwächt, aber ich hatte gelernt, bergauf wirklich langsam zu gehen. Nicht mit angezogener Bremse und durchgetretenem Gaspedal, sondern in einem Rhythmus, der meine Kräfte schonte.
Auf den letzten Metern, ehe ich das Seeufer erreichte, setzte der Regen ein. Die Bäume schützten mich an vielen Stellen, aber es war ein Abwägen: Ging ich die letzten fünfhundert Meter ungeschützt weiter und riskierte, komplett nass zu werden, oder holte ich die Regensachen heraus?
Ich entschied mich, meinen Tanz mit dem Regen fortzusetzen und zu schauen, wie nah wir uns diesmal kommen würden. Unter freiem Himmel wäre ich wohl komplett durchnässt worden, doch die großen Bäume hielt das meiste ab, bis ich die Hütte schnellen Schrittes erreichte.

Dort erwartete mich allerdings eine Enttäuschung. Obwohl der Platz wunderschön am Seeufer lag und es eine offizielle Feuerstelle gab, war ein Baum auf die Hütte gestürzt. Das Dach war zur Hälfte eingedrückt, und an einigen Stellen tropfte es unaufhörlich herein. Es gab zwar einen Bereich, in dem man noch halbwegs geschützt war, aber eine gemütliche Nacht bei diesem Wetter versprach das nicht.
Auch das Vordach war größtenteils beschädigt. Auf einer Seite fand ich jedoch noch ein Plätzchen, an dem ich vor dem Regen geschützt war und trotzdem einen schönen Blick auf den See hatte, auf den es nun in Bindfäden fiel. Es war kalt, und ich zog alle Kleidungsstücke an, die ich noch dabeihatte.
Trotzdem war es ein magischer Moment. In diesem Regen lag eine große Stille. Er schien alles zu verschlucken. Als gäbe es keine anderen Geräusche mehr.

Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass bei diesem Wetter noch jemand auftauchen würde. Ein Mann und eine Frau kamen an, denen ich auf meiner kleinen Bank Platz machte. So saßen wir zu dritt im Halbtrockenen.
Ich reichte ihnen mein Kärtchen und meinen Flyer. Der Mann ging kurz auf mein Projekt ein. Dann machten die beiden neben mir Vesper und boten mir etwas von ihrem Essen an. Da ich nicht lange zuvor mit Renate zu Mittag gegessen hatte, lehnte ich dankend ab.
So saßen wir beisammen. Sie unterhielten sich, und ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz. Ihr Gespräch wirkte nicht ganz frei. Ich wusste nicht, ob es an mir lag, dem stillen Zeugen, den sie nun gezwungenermaßen neben sich sitzen hatten, oder ob es Themen zwischen ihnen gab, die vielleicht hätten besprochen werden sollen.
Ich versuchte, sie einzuordnen. Sie sahen aus wie Stadtmenschen, mit Sneakers und guten Outdoorjacken. Ich tippte auf Lehrer. Es ist noch da, dieses Denken, das alles einordnen und in Schubladen stecken möchte. Dabei hätte ich einfach den Regen genießen können. Doch nach dem schwierigen Tag zuvor fiel es mir nicht leicht, nur danebenzusitzen und nicht Teil des Gesprächs zu sein.
Als sie fertig gegessen hatten und der Regen etwas nachgelassen hatte, machten sie sich bereit, weiterzugehen. Obwohl ich eine halbe Stunde nur neben ihnen gesessen hatte und es in dieser Zeit kaum einen Austausch gegeben hatte, bedankte sich der Mann bei mir. Es habe etwas mit ihm gemacht, dass ich dagesessen sei. Er habe meine Stille als sehr inspirierend empfunden.

Am Abend schrieb er mir noch eine E-Mail, weil ihm mein Projekt weiter durch den Kopf gegangen war. Er lud mich ein, bei ihnen zu übernachten, sollte mein Weg bei ihnen vorbeiführen. Durch seine Signatur erfuhr ich, dass er Bäcker auf einem Bio-Bauernhof ganz in der Nähe war. Meine Einschätzung hatte also zumindest in Teilen weit danebengelegen.
Ich rang mit mir, ob ich am See bleiben oder weiterziehen sollte. Es gab allerdings kein Internet. Unter normalen Umständen hätte ich das begrüßt. Es hätte mich gezwungen, an diesem fast magischen See zu bleiben und mich ganz auf das Hier und Jetzt einzulassen. Doch in diesem Moment war es schwierig.
Seit ich Freiburg verlassen hatte, war ich kaum dazu gekommen, E-Mails zu beantworten. In den letzten beiden Tagen war an Kommunikation fast nicht zu denken gewesen, und am nächsten Tag sollte Flavia zum ersten Mal seit einem halben Jahr kommen, um mich drei Tage lang zu begleiten. Auch dafür gab es noch einiges zu klären.
Dazu kam der schlechte Zustand der Hütte. Schweren Herzens entschied ich mich weiterzugehen. Der Regen hatte sich in ein feines Nieseln verwandelt, doch von den Ästen fielen dicke, schwere Tropfen.
Obwohl es nicht unbedingt nötig gewesen wäre, zog ich zum ersten Mal auf der gesamten Tour meine Regenhose an. Ich wollte sie nicht ein ganzes Jahr ungenutzt mit mir herumgetragen haben. Wenigstens einmal wollte ich sie dem Regen zeigen. Ihm zeigen, dass es sie gab. Dass ich für ihn bereit war, wenn er kommen wollte.
Er kam nicht mehr an diesem Tag.

Drei Kilometer weiter erreichte ich gegen 18 Uhr eine wunderschöne Schutzhütte, sogar mit Isolierglasfenstern und Holzboden. Es gab einen Besen und die Aufforderung, diesen auch zu benutzen. Auch wenn sie nicht so schön lag wie die Hütte am See, war sie doch ein kleiner Luxus.
Nach dem Regen waren die Temperaturen stark gefallen. Es war Hundewetter und kalt. Und ausgerechnet am nächsten Tag sollte Flavia kommen.
Niemand war da. Ich war erleichtert. Auf dem Westweg waren mir so viele Wanderer mit Outdoorausrüstung entgegengekommen, dass ich nicht damit gerechnet hatte, die Hütte für mich allein zu haben. Nun konnte ich endlich etwas Zeit mit mir verbringen.
Dachte ich zumindest.
Ich hatte mich gerade nach dem Abendessen an meinen Laptop gesetzt und begonnen, erste Nachrichten zu beantworten, als gegen 20 Uhr ein junges Paar mit Rucksäcken des Weges kam. Sie schauten sich die Hütte an und waren begeistert. Ich konnte das verstehen, war aber nicht angetan davon, dass sie hierbleiben wollten.
Auf den neun Quadratmetern, mit einem Tisch und Bänken ringsum, würde es eng werden. Und wieder hatte ich nicht den Raum, den ich mir so sehr gewünscht hatte. Doch das Wetter war wirklich nicht schön, und ich schluckte meinen Widerwillen hinunter, als sie mich fragten, ob es in Ordnung sei, wenn sie ebenfalls hier übernachteten.
Von meinem Projekt waren sie sehr angetan, nachdem sie den Flyer gelesen hatten. Sie fragte mich, ob es auch ein spirituelles Projekt sei und weshalb ich es als Kunstprojekt verstünde. Sie erzählten, dass sie schon häufiger solche Touren im Schwarzwald gemacht hatten, aber noch nie eine so schöne Hütte gefunden hätten. Ich empfahl ihnen im weiteren Verlauf des Westweges noch einige andere Hütten.

Sie hatten bis vor Kurzem in Bad Liebenzell studiert. Da es dort nicht viele Möglichkeiten zu studieren gibt, fragte ich aus Neugier nach, was sie gemacht hatten. Meine Vermutung bestätigte sich: Er hatte an der dortigen Theologischen Akademie Theologie studiert. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sie Soziale Arbeit studiert. Mittlerweile arbeitete er als Pfarrer in einer freikirchlichen Gemeinde, die der evangelischen Kirche nahestand.
Bald stellte sich heraus, dass sie aus Winnenden kamen, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin und in der meine Mutter bis heute lebt. Nach einigem Hin und Her stellten wir fest, dass die beiden sich in der Gemeinde kennengelernt hatten, die auch meine Mutter besuchte.
Die Eltern der Frau waren an diesem Wochenende im evangelischen Kloster in Selbitz, das ich einige Monate zuvor besucht hatte. Und auch meine Mutter war genau an diesem Wochenende dort.
Die Welt ist ein Dorf.
Dass ich hier mitten im Schwarzwald auf zwei Menschen traf, die aus derselben Stadt kamen, in der ich aufgewachsen war, machte mir noch einmal klarer, dass ich mich der Heimat mit jedem Schritt näherte. Die Wahrscheinlichkeit, auf Menschen zu treffen, die ich kannte oder die über wenige Ecken mit mir verbunden waren, wurde immer größer.
Zwei Tage später stellte ich außerdem fest, dass der Bäcker vom Glaswaldsee ein guter Bekannter von Christoph und Steffi war, bei denen ich am Wochenende sein sollte. Das Netz, in dem ich mich normalerweise bewegte, wurde also immer enger. Bald würde es mich umschließen.
Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich mich darüber freuen sollte. Ein Netz kann einen tragen, aber es kann einen auch gefangen nehmen. Je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet.
In diesen Tagen dachte ich immer öfter an das Zurückkommen. Wie würde es sein? Was würde mich erwarten? Große Freude mischte sich mit der Sorge, dieses freie Leben des vergangenen Jahres hinter mir zu lassen. Ich war zwischen beiden Polen hin- und hergerissen.
Vielleicht musste ich mich gar nicht für eines der beiden Gefühle entscheiden. Vielleicht durfte ich den Raum für beides offen halten.
Wenn ich schon nicht wirklich zum Arbeiten kommen würde, dachte ich, könnte sich an diesem Abend vielleicht noch eine spannende Erzählung ergeben. Über den Glauben. Darüber, was die beiden dazu bewegt hatte, diesen Weg einzuschlagen.
Doch nach dem Essen begannen sie direkt, ihre Schlafplätze vorzubereiten. Der Tisch musste zur Seite, und schon kurz nach 21.30 Uhr waren sie bettfertig. Wenig später schliefen sie.
Es war gut so. Ich selbst war noch matt von der Krankheit. Und morgen würde Flavia kommen. Wie unsere gemeinsamen Tage bei diesem schlechten Wetter werden würden, wusste ich nicht. Aber es war wohl gut, ihnen ausgeschlafen und mit neuer Kraft entgegenzugehen.
