Ich höre zu – ein Jahr im Schweigen
Ich höre zu – ein Jahr im Schweigen

Nachdem ich mit Steffi ein spätes Frühstück in Musbach eingenommen hatte, kam ich erst gegen elf Uhr los. Vor mir lag eine Strecke von mehr als zwanzig Kilometern. Am Abend wollte ich eine meiner letzten Nächte bei Nagold im Zelt verbringen. Unser Austausch war wichtig und inspirierend gewesen und sollte viele meiner Gedanken in den nächsten Tagen bestimmen. Trotzdem spürte ich wegen der Entfernung einen gewissen Druck, diese lange Etappe noch zu schaffen.

Es war ein regnerischer Tag. Der Tango mit dem Regen könnte ein weiteres Kapitel bekommen, aber damit möchte ich niemanden langweilen. Es reicht zu wissen, dass wir wieder getanzt haben.

Mein Weg führte mich nahe an Altensteig vorbei, wo ich in meiner Jugend drei Jahre in einem Internat verbracht hatte. Ich kam an einer Burgruine vorbei, von deren Bergfried wir uns damals abgeseilt hatten, und an einem kleinen Tal, in dem ich in den vergangenen Jahren immer wieder Achtsamkeitsworkshops mit jungen Erwachsenen gegeben hatte, die ein freiwilliges soziales Jahr leisteten. Mit jedem Schritt kam ich meiner Heimat näher. Überall tauchten Erinnerungen auf, in die ich versank.

Während des Gehens arbeitete ich im Kopf am Text meiner ersten Worte. Das Thema stand seit einigen Wochen fest, doch die einzelnen Gedanken mussten noch ausgearbeitet werden.

Die Arbeit der vergangenen Tage hatte dazu geführt, dass der große Berg unerledigter Dinge wieder überschaubar geworden war. Gleichzeitig kreisten meine Gedanken immer stärker um das, was vor mir lag: meine Ankunft in Stuttgart, die letzten Dyaden vor dem Hospitalhof, die Abschlussveranstaltung, meine ersten Worte und natürlich um das Leben danach.

Vielleicht hatte ich vor dem Projekt die Illusion, dass ich meine Achtsamkeit in diesem Jahr so weit schulen würde, dass ich am Ende ein wahrer Meister darin wäre, alles auszuschalten, was sich in mir bewegte, und ganz im gegenwärtigen Moment zu sein.

Der Nordschwarzwald ist wunderschön, wenn man ein Auge für die Details hat, Fichten von Tannen unterscheidet, die Wetterseite anhand des Mooses auf den Stämmen bestimmt und die kleinen Tiere und Insekten am Wegesrand entdeckt. Doch gerade in diesen letzten Tagen fiel es mir unglaublich schwer, in diese Präsenz zu finden.

Manchmal verlangsamte ich mein Tempo, zählte meine Schritte und passte meinen Atem an ihre Frequenz an. All das, was ich auch in meinen Kursen lehre. Und doch driftete ich immer wieder ab, versank in meinen Gedanken und verfiel in meinen Trott.

Früher hätte mich dieses Abschweifen frustriert. Mein innerer Kritiker wäre angesprungen und hätte mir gesagt, dass ich mich nach all den Monaten besser konzentrieren müsste. Wie das denn sein könne, nach all dem, was ich auf mich genommen hatte, um mich gerade auf diesem Feld weiterzuentwickeln und vielleicht sogar eine gewisse Meisterschaft darin zu erreichen. Als ich dann auch noch bemerkte, dass ich mein Taschenmesser irgendwo liegen gelassen hatte, traf mich das unvorbereitet. Es hatte mich ein Jahr lang begleitet, war immer an meinem Körper gewesen und fast zu einem Teil von mir geworden. Die Orte, an denen ich es vielleicht liegen gelassen hatte, waren schon zu weit entfernt, um noch einmal umzukehren.

Ich höre zu – ein Jahr im Schweigen

Doch anstatt mich zu ärgern, durfte ich etwas anderes lernen: dass alles seine Zeit hat. Das Messer war weg, und auch die Präsenz, die mich in vielen Momenten der vergangenen Monate getragen hatte, wich nun immer häufiger den Gedanken an das, was vor mir lag. An meine Rückkehr, die ersten Worte und all die Ereignisse, die für mich groß waren.
Vielleicht bedeutete Achtsamkeit nicht, all das abzustellen, sondern wahrzunehmen, was gerade geschah. Die Gedanken mit einer gewissen Distanz zu beobachten und mir selbst dabei zuzuhören. Und vielleicht kam an dieser Stelle das Mitgefühl hinzu: anzunehmen, dass ich Fehler machte und auch einmal etwas verlor, dass nicht jeder Tag so klar und gegenwärtig sein konnte und manche Gedanken einfach gedacht werden wollten.

Auch anzunehmen, dass ich nicht der große Meister geworden war, der ich vielleicht gerne geworden wäre. Dass noch viel Entwicklungspotenzial da war. Ich war ja noch jung. Schön, dass es in den nächsten Jahren noch etwas zu lernen gab.

So war ich in diesen letzten Tagen oft in mich selbst versunken. Manchmal gelang es mir, mich daraus herauszureißen und wenigstens für ein paar Meter ganz auf meinem Weg zu sein. Ansonsten versuchte ich zumindest, mir selbst zuzuhören und das zu umarmen, was gerade da war, auch wenn es um mich herum so vieles gegeben hätte, das gesehen werden wollte.

Auf meinem Weg durch den Schwarzwald hätte es mehrere Menschen gegeben, bei denen ich hätte unterkommen können. Ich überlegte kurz, ehemalige Schulkameraden ausfindig zu machen, mit denen ich bis 1995 in Altensteig zur Schule gegangen war. Es wäre sicherlich spannend gewesen, ihnen zuzuhören. Auch zu früheren Erziehern bestand noch Kontakt oder hätte sich wieder einer herstellen lassen.

Ich entschied mich dagegen. Es war bereits zu viel Bewegung in mir. Die letzten Tage vor meinem Sprechen würden aufwühlend genug sein, ebenso das Ankommen zu Hause und meine ersten Worte. Ich brauchte nicht noch mehr Eindrücke, sondern Raum, um alles zu verarbeiten.

Nach einer meiner letzten Nächte im Zelt bei Nagold machte ich mich am nächsten Morgen weiter auf den Weg in Richtung Herrenberg. Auf diesem Weg kam ich auch an der Haustür meines Bruders Patrick vorbei. Dort konnte ich schlecht einfach weitergehen. Schon lange stand für mich fest, dass ich bei ihm einen Zwischenstopp machen wollte.

Trotzdem meldete ich mich erst wenige Tage vorher bei ihm. Meine Route ließ sich nicht auf den Tag genau planen, und bei Patrick und seiner Frau Heike war der Kalender meist entweder über Monate gefüllt oder es passte eben zufällig, weil irgendwo eine kleine Lücke klaffte. Ich war überzeugt, dass sich eine solche Lücke finden würde.

Als ich schließlich anfragte, war der Zeitpunkt denkbar ungünstig. Heike war für mehrere Tage ausgebucht und praktisch nur zum Schlafen zu Hause. Patrick hatte Spätschicht und würde erst nach 22 oder 23 Uhr zurückkommen.

Außerdem war zwei Tage vor meiner geplanten Ankunft in der Schule eingebrochen worden, in der er als Hausmeister arbeitete. Der Tresor war herausgerissen, Türen und Fenster waren beschädigt worden. Spuren mussten beseitigt und Schlösser ausgetauscht werden. Patrick war mit der Situation vollauf beschäftigt.

Beide boten mir natürlich an, trotzdem zu kommen, bei ihnen zu übernachten, zu duschen und mich am Kühlschrank zu bedienen. Für einen Wanderer wären das eigentlich ideale Bedingungen gewesen. Doch die reine Gastfreundschaft ohne die Gastgeber war mir nicht mehr so wichtig. Ich hatte genügend frische Kleidung dabei, meine Batterien waren geladen, und ehrlich gesagt genoss ich es inzwischen, im Zelt zu schlafen. Diese Zeit würde bald enden. Ich wollte jede Zeltnacht mitnehmen, die sich noch ergab.

Ich war mir nicht sicher, ob Patrick eine Begegnung mit mir nicht ein paar Wochen später lieber gewesen wäre, wenn ich wieder zu den Sprechenden gehörte. Da kommt der eigene Bruder vorbei und spricht nicht. Wie würde das sein? Würde es funktionieren? Er wäre nicht der Erste gewesen, der vor einer Begegnung mit mir diese Unsicherheit verspürte. Familie hin oder her.

Gleichzeitig dachte ich daran, wie Patrick sonst Menschen begegnet. Wir leben zwar in sehr unterschiedlichen Welten, aber wann immer er bei mir auf einem Fest war, mir bei einem Umzug oder einer Renovierung half, fand er nach einer kurzen Phase des Warmwerdens schnell einen Zugang zu meinen Freunden. Er entdeckte verbindende Themen und unterhielt sich mit Menschen, die er gerade erst kennengelernt hatte, als gehörte er schon lange dazu.

Patrick ist ein Mensch, mit dem man im Wartezimmer beim Arzt ein angenehmes Gespräch führen könnte, auch wenn man ihn vorher nicht kannte. Oder mit dem man, sollte man im Restaurant zufällig an denselben Tisch gesetzt werden, schnell in eine gute Unterhaltung kommt. Er geht dabei nicht offensiv auf Menschen zu und bequatscht sie. Aber wenn sich ein Gespräch ergibt, hat er ein feines Gespür dafür, ein Thema zu finden, bei dem sich beide wohlfühlen und etwas Verbindendes entsteht. Vielleicht ist es gerade diese Fähigkeit, die ihn zu einem Brückenbauer zwischen Menschen macht, die sehr unterschiedlich denken. Und deshalb hatte ich keine wirklichen Bedenken, dass unsere Begegnung schwierig werden könnte.

Nachdem wir eine Weile nach einer Möglichkeit gesucht hatten, bot Patrick mir schließlich an, am Vormittag vorbeizukommen, bevor er zur Arbeit musste. Ich freute mich sehr, dass dieser Zwischenstopp zustande kam, auch wenn er nur ein paar Stunden dauern würde.

Es wurde dann auch eine schöne und ganz selbstverständliche Begegnung. Mehr als ein Jahr hatten wir uns nicht gesehen, und doch hatte ich keinen Moment das Gefühl, dass mein Schweigen eine Schwierigkeit darstellte. Die wenigen Sätze, die ich aufschrieb, reichten vollkommen aus. Patrick erzählte, ich hörte zu und schrieb hin und wieder einen Satz auf. Bei einem guten Vesper saßen wir einfach zusammen. Zwei Brüder, die sich lange nicht gesehen hatten.

Da seine Arbeitsstelle auf meinem weiteren Weg lag, bot er mir an, meinen Rucksack dorthin mitzunehmen. So konnte ich zwölf Kilometer ohne Gepäck gehen. An einem Tag mit einer langen Strecke, die größtenteils über Asphalt führte, war das ein sehr willkommenes Angebot.

Später sah ich zum ersten Mal die Schule, von der Patrick mir über die Jahre so viel erzählt hatte. Zu all seinen Erzählungen kamen nun reale Bilder.

Ich hatte in diesen Tagen viel darüber nachgedacht, wie schwer es mir gerade fiel, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein. Bei Patrick geschah es für eine Weile, ohne dass ich mich darum bemühen musste. Als ich schließlich mit meinem Rucksack weiterging, fehlte mir nichts.