Tag 354 – Zwischen Verstummen und Zuhören – In Musbach mit Steffi

Nach zwei sehr schönen Tagen mit Flavia bei Steffi und Christoph, an denen auch das Wetter immer besser geworden war, wollte ich eigentlich zu einer alternativen Lebensgemeinschaft mit angeschlossenem Bauernhof weiterziehen, die mich eingeladen hatte. Dort fand jedoch an diesem Tag eine andere Veranstaltung statt, sodass sich mein Besuch nicht mit meinem Zeitplan vereinbaren ließ.
Der Termin für meine Ankunft in Stuttgart stand fest: Sonntag, der 14. Juni. An diesem Tag wollte ich meine letzte Etappe gemeinsam mit Menschen gehen, die mich bei diesem besonderen Moment des Ankommens begleiten würden. Da es nur noch etwa hundert Kilometer bis nach Hause waren und ich diese Strecke in vier oder fünf Tagen bewältigen konnte, hatte ich plötzlich Zeit.
Gleichzeitig gab es unglaublich viel zu erledigen. Der genaue Ablauf der Abschlussveranstaltung mit Wolfgang Ullrich war noch nicht geklärt. Die Pressearbeit war zwar vorbereitet, musste nun aber angestoßen werden. Unzählige E-Mails hatten sich angesammelt, weil ich ständig in Begleitung oder in Begegnungen gewesen war und alles andere hintangestellt hatte. An meinen Blogtexten zu arbeiten, hatte ich innerlich bereits aufgegeben. Zu hoch türmte sich der Berg der dringenderen Aufgaben vor mir auf.
Vielleicht war es also eine glückliche Fügung, dass ich auf einmal zwei freie Tage hatte. Zwölf Kilometer entfernt, in Musbach, besaß Christoph mit seiner Schwester ein kleines, wunderschön renoviertes ehemaliges Rathaus. Christoph hatte dort sein Atelier eingerichtet und Steffi zog sich zum Schreiben dorthin zurück.
Als ich mich auf meinen Slow-Walk-Marathon 2019 vorbereitet hatte, hatte Christoph mir das Haus schon einmal zur Verfügung gestellt. Damals wollte ich zum ersten Mal ausprobieren, ob ich körperlich überhaupt dazu in der Lage war, täglich mehrere Stunden in Gehmeditation und mit einer Geschwindigkeit von nur hundert bis hundertfünfzig Metern pro Stunde unterwegs zu sein.
Dieses Trainingslager war eine sehr konzentrierte Auszeit gewesen, fast mehr ein Retreat als ein sportliches Training. Der Ort war deshalb mit sehr positiven Erinnerungen verbunden und lag noch dazu mehr oder weniger auf meinem Weg nach Stuttgart. Als ich Christoph fragte, ob ich mich dort noch für ein oder zwei Tage einquartieren könne, um etwas Zeit für mich zu haben und zu arbeiten, stimmte er sofort zu.
Flavia würde ich bereits eine Woche später wiedersehen, weshalb der Abschied nicht schwerfiel. Von Christoph und Steffi aus musste ich jedoch viele Höhenmeter hinauf nach Musbach bewältigen. Da Christoph am Abend einen Termin in Stuttgart hatte und auf seinem Weg an dem Häuschen vorbeikam, bot er mir an, meinen Rucksack dort abzulegen. So musste ich ihn beim Aufstieg nicht tragen.
Der Weg hinauf war herrlich. Ich kam mir vor, als würde ich den Berg hinauffliegen. Zwanzig Kilogramm weniger auf dem Rücken waren eine unglaubliche Erleichterung.
Wie viel leichter wäre diese Reise gewesen, wenn ich von Herberge zu Herberge hätte ziehen können, ohne Zelt, Kocher und das schwere technische Equipment?
Doch gerade diese Ausrüstung hatte mir auch meine Freiheit ermöglicht. Ich konnte mich dort niederlassen, wo ich wollte, in der Natur und unter den Sternen schlafen oder im tiefsten Winter Schutz in meinem Zelt finden.
Alles hatte seinen Preis. Und es war gut, wie es gewesen war. An meinem Rucksack hatte ich schwer getragen, aber ich war nicht an ihm zerbrochen.

Neben dem kleinen Rathaus in Musbach gab es einen Bio-Bauernhof, in dessen Hofladen ich mich mit guten Lebensmitteln eindecken konnte. An den beiden Tagen verbrachte ich jeweils etwa zehn Stunden vor dem Computer und versuchte, wenigstens zwei Stunden an der frischen Luft zu sein.
Am Montag und noch einmal am Mittwochmorgen, kurz bevor ich weiterziehen musste, kam Steffi vorbei. Zwei oder drei Stunden lang schrieben wir konzentriert in getrennten Räumen nebeneinander her. Danach setzten wir uns zum Frühstück zusammen. Steffi erzählte, war aber auch neugierig darauf, was mich beschäftigte. Im Mittelpunkt unserer Gespräche standen jedoch unsere Beziehungen.
Sie fragte mich, wie es mir in diesem Jahr mit Flavia ergangen war. Während unseres Besuchs in den Tagen zuvor hatte sie sich lange mit ihr unterhalten, und die beiden hatten sich auch während meiner Abwesenheit getroffen. Nun war sie neugierig darauf, meine Seite der Geschichte zu hören oder vielmehr zu lesen.

Auch Steffi erzählte von ihrer Beziehung zu Christoph, die im vergangenen Jahr nicht einfach gewesen war. Aus ihren Worten klang heraus, wie wichtig es ihr war, die Schwierigkeiten nicht einfach hinzunehmen, sondern sie anzusprechen, Dinge zu klären und neue gemeinsame Perspektiven zu entwickeln.
Steffi selbst brachte diese Entschlossenheit mit ihrer Lebensgeschichte in Verbindung, von der ich im vorherigen Text erzählt habe. Als ihr erster Mann plötzlich starb, hatte sie erlebt, wie sich von einem Tag auf den anderen alles verändern kann. Vielleicht wusste sie gerade deshalb, wie wichtig es ist, das Leben jetzt zu leben und Wesentliches nicht immer weiter aufzuschieben. Denn manchmal kommt ein Moment, von dem an sich bestimmte Dinge nicht mehr klären lassen, weil das Leben einen anderen, unabänderlichen Weg eingeschlagen hat.
Mittlerweile sei wieder Bewegung in ihre Beziehung gekommen, erzählte Steffi, und beide arbeiteten daran. Es hatte jedoch eine Zeit gegeben, in der sie das Gefühl hatte, sie hätten sich nichts mehr zu sagen.
Zwischen ihnen war eine Dynamik entstanden, in der beide sich zunehmend zurückzogen und immer weniger voneinander wussten. Steffi hatte das Gefühl, nicht mehr zu verstehen, was in Christoph vorging, und zugleich wusste auch sie irgendwann nicht mehr, was sie noch sagen sollte. Für sie, die so wortgewandt ist und der Sprache so viel bedeutet, war das eine unglaublich schwere Zeit.
Als ich am Mittwoch nach unserem Frühstück weiterzog, ging mir das Gespräch mit Steffi nicht mehr aus dem Kopf. Das lag nicht nur an dem, was sie mir erzählt hatte, und an dem, was ich selbst in Beziehungen und vor allem in den vergangenen Jahren mit Flavia erlebt hatte. Es lag auch an all den Geschichten, die ich während dieses Jahres gehört hatte.
Beziehungen waren eines der großen Themen meiner Reise. Viele Familien öffneten mir ihr Haus und erzählten von ihrem Alltag, von der Liebe, die sie miteinander verband, aber auch von den Schwierigkeiten in ihren Partnerschaften.
Andere berichteten von Trennungen. Manche lagen erst wenige Wochen zurück, andere schon viele Jahre. Einige sprachen noch immer mit großer Trauer davon, andere hatten längst einen neuen Weg gefunden.
Dabei ging es nicht nur um Krisen. Manche Menschen erzählten mir auch von sehr erfüllten Beziehungen. Positiv überrascht war ich darüber, wie viele Paare, besonders unter den jungen Familien, eine Paartherapie machten. Sie wollten nicht warten, bis nur noch Streit, Schweigen oder die Trennung blieben, sondern an sich und ihrer Beziehung arbeiten.
Bei manchen hatte das die Beziehung stabilisiert und ein neues Verständnis füreinander ermöglicht. Bei anderen war der Versuch zu spät gekommen oder hatte nicht mehr die erhoffte Veränderung bewirkt.
Vielleicht gehört auch das dazu. Nicht jede Beziehung kann oder muss um jeden Preis erhalten bleiben. Manchmal ist eine Trennung der bessere Weg für beide, auch wenn Kinder da sind.
Ein Satz war mir in unterschiedlicher Form immer wieder begegnet:
„Wir haben uns nichts mehr zu sagen.“
Oft lag darin eine große Trauer. Da war ein Mensch, mit dem man so vieles geteilt hatte, und trotzdem schien es nichts mehr zu geben, worüber man miteinander sprechen konnte. Vielleicht auch deshalb, weil Gespräche immer wieder in Streit mündeten und es irgendwann sicherer oder einfacher erschien, gar nichts mehr zu sagen.
Andere Paare sprachen zwar ständig miteinander, aber fast nur noch über das, was organisiert werden musste: über die Kinder, die Arbeit, den nächsten Urlaub oder Politik. Kaum noch aber über das, was in ihnen vorging, wonach sie sich sehnten oder wie sie sich ihre gemeinsame Zukunft vorstellten. Sie hatten nicht aufgehört zu sprechen, und doch war etwas zwischen ihnen verstummt.
Beim Gehen kam mir ein anderer Gedanke: Vielleicht ist es manchmal gar nicht das eigentliche Problem, dass zwei Menschen sich nichts mehr zu sagen haben. Vielleicht ist das Verstummen die Folge eines Problems, das viel früher beginnt.
Könnte es sein, dass Menschen auch deshalb verstummen, weil sie sich schon lange nicht mehr gehört fühlen?
Eine meiner wichtigsten Erfahrungen aus diesem Jahr war, dass es nicht nur darauf ankommt, ob ich spreche und was ich sage. Entscheidend ist auch, wie das Gesagte aufgenommen wird. Ob mein Gegenüber sich wirklich auf mich einlässt. Ob es zuhört und präsent bleibt, ohne alles sofort innerlich zu bewerten oder bereits an einer Antwort zu arbeiten.
Aufmerksames Zuhören bedeutet nicht, dass man dem anderen recht geben oder die eigene Sicht aufgeben muss. Es heißt für mich zunächst, verstehen zu wollen, was der andere erlebt und weshalb er die Dinge so sieht. Ihn so weit verstehen zu wollen, dass er sich in dem, was bei mir angekommen ist, wiedererkennen kann.
Dass Menschen einander nicht mehr zuhören, kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Manchmal sind Arbeit, Sorgen oder Erschöpfung so bestimmend, dass kaum noch Raum bleibt, um wahrzunehmen, was den Partner gerade bewegt. Und manchmal sind beide innerlich so aufgewühlt, dass ein wirkliches Gespräch in diesem Moment gar nicht möglich ist. Dann kann es sinnvoller sein, erst einmal innezuhalten und später weiterzusprechen, anstatt sich immer tiefer in den Streit hineinzubewegen.
In Diskussionen mit Flavia merkte ich, dass mich oft weniger ihre Argumente wütend machten als das Gefühl, von ihr nicht gehört zu werden. Wenn ich den Eindruck hatte, dass das, was ich sagte, gar nicht bei ihr angekommen war und sie schon wieder bei ihren eigenen Punkten war, fühlte ich mich schnell auch als Mensch nicht gesehen oder ernst genommen.
Dabei mussten ihre Argumente nicht falsch sein. Doch ich konnte mich kaum noch auf sie einlassen, wiederholte meine eigenen nachdrücklicher und hörte auch ihr nicht mehr wirklich zu. Vermutlich erlebte Flavia das wiederum als Zeichen, dass auch ich sie nicht verstanden hatte. So entstand ein Kreislauf, in dem wir beide lauter wurden oder uns zurückzogen, bis kaum noch zu erkennen war, wo er begonnen hatte.
Vielleicht können Paartherapien auch deshalb hilfreich sein. Eine dritte Person verlangsamt das Gespräch, fragt nach und hilft dabei, dass das Gesagte beim anderen wirklich ankommen kann. So entsteht vielleicht wieder ein Raum, in dem zugehört wird, anstatt sich nur zu verteidigen.
Doch auch das setzt voraus, dass beide bereit sind, sich darauf einzulassen. Zuhören lässt sich nicht erzwingen.
Dass Flavia mich ziehen ließ und unsere Beziehung nicht schon im Vorfeld an meinem Projekt zerbrach, hatte auch damit zu tun, dass ich mich in den anderthalb Jahren zuvor intensiv mit Kommunikation und Zuhören beschäftigt hatte. Vieles von dem, was ich dabei gelernt hatte, war in unsere Beziehung eingeflossen.
Ich hatte immer gedacht, dass ich ein guter Zuhörer sei. In manchen Gesprächen war ich das sicherlich auch. Aber im Alltag, mit meiner eigenen Frau und in den Konflikten, die zwischen uns lagen, war ich ganz sicher nicht immer ein guter Zuhörer.
In dieser Zeit durften wir lernen, einander anders zuzuhören. Ich konnte Flavia vermitteln, weshalb ich dieses Projekt machen wollte und was mich antrieb. Und sie konnte mir von ihren Bedenken, ihren Ängsten und Sorgen erzählen.
Ich schob sie nicht beiseite, kommentierte sie nicht sofort und versuchte auch nicht, sie kleinzureden oder ihr zu erklären, weshalb alles schon gut gehen würde. Sie durften ausgesprochen werden und zunächst einfach im Raum stehen bleiben. Ich musste ihre Ängste nicht teilen, um zu verstehen, dass sie für Flavia real waren.
Erst dadurch konnten wir uns aufeinander zubewegen.
Mit der Zeit entwickelten wir daraus ein kleines Ritual. Wenn die Luft zwischen uns dick war, kam, sobald einer von uns wieder etwas ruhiger auf die Situation schauen konnte, oft der Vorschlag, uns zu einer Dyade zusammenzusetzen. Manchmal geschah das direkt nach dem Streit, manchmal erst am Abend oder am nächsten Morgen.
Wir saßen uns gegenüber und schauten uns zunächst einige Minuten schweigend in die Augen. Oft löste sich schon dabei etwas von meinem Ärger, und ich konnte die Verbindung zwischen uns wieder spüren. Danach schlossen wir für einen Moment die Augen. Wenn wir sie wieder öffneten, sprach einer, während der andere nur zuhörte. Dann wechselten wir.
Das löste nicht automatisch den Konflikt, aber häufig die Verhärtung zwischen uns. Wir fühlten uns wieder gesehen und gehört und konnten anschließend anders miteinander sprechen. Dadurch entwickelten wir ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse des anderen und konnten eher nach gemeinsamen Wegen suchen.
Und selbst jetzt, am Ende meines Projekts, wissen Flavia und ich noch nicht, wie es mit uns weitergehen wird. Ob unsere Beziehung eine Zukunft hat. Nach der langen räumlichen Trennung müssen wir uns erst wiederfinden.
Zuhören allein wird dafür vermutlich nicht ausreichen. Es kann nicht alle Unterschiede, Verletzungen und ungelösten Fragen beseitigen. Aber ohne einander zuzuhören, wird es kaum möglich sein.
Wir müssen einander den Raum geben, von sich zu erzählen. Von dem, was sich in diesem Jahr verändert hat. Von unseren Plänen, Wünschen und Ängsten. Und wir müssen versuchen, das Gehörte nicht sofort mit unseren eigenen Vorstellungen zu überdecken.
Denn wirklich von sich erzählen und sich öffnen kann man vor allem dort, wo man sich auch gehört fühlt.
