Tag 360 – Die letzten Kilometer – Ankommen in Stuttgart

Von meiner Etappe von Herrenberg nach Sindelfingen ist nicht sehr viel hängen geblieben. Ich glaube, es war heiß und anstrengend, und ich ging viel über Asphalt. Aber genau könnte ich es nicht mehr sagen. An diesem Tag ist mir einfach nichts so Einschneidendes begegnet, dass es sich festgesetzt hätte. Vielleicht lag es auch an meinem Zustand. Ich war viel zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt, um wahrzunehmen, was um mich herum geschah.
Ich glaube, dass ich früher meistens so durchs Leben gegangen bin: oft so sehr in mich gekehrt, dass ich das Außen kaum wahrnahm. Und vielleicht habe ich mir deshalb immer extremere Reiseziele ausgesucht. Landschaften, Kulturen und eine Natur, die so einnehmend sind, dass wenig Platz für eigene Gedanken bleibt. Und wie wohltuend war es, zwischenzeitlich zu bemerken, wie schön dieses Deutschland ist, zu allen Jahreszeiten, bei jedem Wetter und an sehr vielen Orten. Man muss es nur sehen, wirklich da sein. An diesem Tag war ich es wohl nicht.
Es war ein Wechselbad der Gefühle. Vorfreude und Unwohlsein wechselten sich in schneller Abfolge ab. Manchmal schwang Trauer mit, dann wieder lag ein fröhliches Lächeln auf meinen Lippen. Und immer wieder fragte ich mich, wie die letzten Kilometer, die ersten Worte und all die bevorstehenden Begegnungen sein würden. Wie würde es sich anfühlen, wieder zu Hause zu sein? Welche Fragen würden mir gestellt werden? Ich hätte es gerne leise gehabt, aber in mir war es zu laut.
In Sindelfingen war ich am Abend mit Rainer und Bettina verabredet. Sie hatten mich im vergangenen Spätsommer in der Nähe von Wiesbaden zwei Tage lang begleitet. Ihre Stiftung, die Rainer Beck Stiftung für Kunst und Leben, hatte mein Projekt großzügig gefördert und damit ermöglicht, dass Becky mich als Projektmanagerin im Hintergrund unterstützte.
Als ich einige Wochen zuvor abschätzen konnte, dass mein Weg über Sindelfingen führen würde, hatte ich Rainer und Bettina gefragt, ob wir daraus nicht eine kleine Kooperation machen sollten. Ich wusste, dass sie dort ein Haus gekauft hatten, an dessen Stelle ein Neubau entstehen sollte. Er sollte zugleich ihr Wohnsitz und der Sitz der Stiftung werden, mit Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen und Lager für die Kunstsammlung.
Ich schlug vor, dort am Abend vor meiner Ankunft eine kleine Veranstaltung zu machen. Eine Begegnung mit der Stille, eher leise als eine sonst typische Kunstveranstaltung. Aber das Haus war noch nicht fertig. Der Rohbau war zwar abgeschlossen und alle Fenster waren eingesetzt, doch es fehlten noch drei oder vier Monate Arbeit, bis man hätte einziehen können.
Sie boten mir trotzdem an, dort zu übernachten. Ich würde sozusagen das neue Haus einweihen: als Erster, der darin schlief, und zugleich als erster Künstler, der darin ausstellte, wenn man mein Projekt als Performance verstand, die nun in Sindelfingen Station machte.
Bettina und Rainer zeigten mir die Baustelle und erklärten mir, wie sie sich alles in Zukunft vorstellten. Es ließ sich bereits erahnen, dass dies ein besonderer Ort werden würde. Am Abend gingen wir noch bei einem Inder essen, und sie zeigten mir Sindelfingen. Die Stadt war mir bis dahin kaum bekannt, obwohl ich wohl schon mehrere hundert Mal an ihr vorbeigefahren war.

Ich schlief gut auf der Baustelle. Am Morgen erwachte ich vor Sonnenaufgang, setzte mich auf das Flachdach und meditierte in den neuen Tag hinein. Es war Sonntag. Die Stadt unter mir schlief noch, die Vögel waren dafür umso lauter.
Es war mein letzter Tag unterwegs. Heute würde ich in Stuttgart ankommen. Ich wollte noch einmal Ruhe tanken, bevor ich mich auf diese Etappe machte. Es war wunderschön, wie die Sonne hinter dem Wald emporstieg. Ich saß mit geschlossenen Augen da. Als mich die ersten Sonnenstrahlen trafen, wärmten sie mich, und auch in meinem Inneren wurde es hell. Ich wusste, dass es ein guter Tag werden würde.
Um zehn Uhr war Treffpunkt an einem S-Bahnhof. Etwa fünfzehn Menschen hatten sich angemeldet, um mit mir die letzten Kilometer im Schweigen zu gehen. Rainer und Bettina hatten dafür Werbung gemacht und waren auch selbst dabei. Die meisten waren jedoch Menschen, die mein Projekt im vergangenen Jahr sehr intensiv verfolgt hatten. Nicht wenige hatten mich bereits ein oder zwei Tage unterwegs begleitet oder kannten mich aus meinen Kursen. Mit vielen fühlte ich mich sehr verbunden. Nur vier Personen waren mir unbekannt.
Für mich war es die perfekte Gruppengröße. Zu viele Teilnehmende hätten der ruhigen und konzentrierten Atmosphäre, die ich mir wünschte, wahrscheinlich nicht gutgetan. Außerdem war es eine ziemliche Herausforderung, eine Gruppe anzuleiten, wenn man nicht spricht: zu vermitteln, wann eine Pause gemacht wird, das richtige Tempo zu finden und die Gruppe zusammenzuhalten. Weil ich nicht eindeutig kommunizieren konnte, übernahmen manchmal andere Verantwortung. Das war hilfreich, konnte aber auch schwierig werden, wenn unterschiedliche Vorstellungen aufeinandertrafen und niemand sie bündelte.
Bis zum Hospitalhof in Stuttgart waren es knapp zwanzig Kilometer. Für trainierte Menschen kein Problem, aber doch weit genug, um diejenigen herauszufordern, die solche Distanzen nicht gewohnt waren.
Bis nach dem Mittagessen bestand meine größte Herausforderung darin, das richtige Tempo zu finden. Ich wollte den langsam Gehenden nicht davonlaufen, musste aber zugleich die Uhr im Blick behalten. Wir sollten den Hospitalhof nicht allzu spät erreichen, denn ich wusste, dass viele Teilnehmende diesen Augenblick mit mir teilen wollten, aber nicht bis spät in den Abend Zeit dafür haben würden.
Erst nach dem Mittagessen konnte ich diese Verantwortung loslassen. Ich gestand mir ein, dass ich nicht für alle verantwortlich sein konnte. Vielleicht würden einige die ganze Strecke nicht schaffen, andere müssten wegen der späten Uhrzeit früher gehen. Ich hatte das Gefühl, dass in dem Moment, in dem ich ruhiger wurde und losließ, auch die Gruppe ruhiger wurde. Oder vielleicht hörte ich auch nur auf, meine innere Unruhe auf die Gruppe zu projizieren. Manchmal ist das eine vom anderen schwer zu unterscheiden.
Das Warten auf die Nachzügler entwickelte sich zu einem kleinen Ritual und brachte zugleich eine Pause vom Gehen. Mit der Zeit wuchs der Respekt vor den langsam Gehenden, weil sie trotz aller Schwierigkeiten beharrlich weitergingen. Die Gruppe fand sich mehr und mehr in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit. Es entstand eine Verbindung, obwohl wir die meiste Zeit schweigend unterwegs waren.
Verstärkt wurde dies durch die kurzen Stopps, bei denen wir den Redestab zirkulieren ließen. Jeder, der ihn erhielt, durfte mitteilen, was ihm gerade durch den Kopf ging. Wer nichts sagen wollte, gab ihn einfach weiter.
Dabei gab es sehr berührende Momente. Eine Teilnehmerin, die mich erst vor kurzem begleitet hatte, erzählte, dass dies der erste Todestag ihrer Mutter war. Es sei die richtige Entscheidung gewesen, mit auf diese Wanderung zu gehen, in Gemeinschaft und doch ganz bei sich zu bleiben.
Als wir kurz vor den Bärenseen waren, schloss sich für mich ein Kreis. Vor knapp einem Jahr war ich bis hierher auf demselben Weg in die entgegengesetzte Richtung gegangen, bevor ich nach Westen in Richtung Karlsruhe abgebogen war. Nun kam ich aus dem Südwesten, und an diesem Punkt trafen sich die beiden Wege wieder.
Der Kreis war geschlossen. Ich war durch Deutschland gelaufen. Mein Weg hatte vierzehn der sechzehn Bundesländer berührt. Nur das Saarland und Mecklenburg-Vorpommern hatte ich ausgelassen. Schleswig-Holstein hatte ich allerdings nur wenige Stunden gestreift.Es war ein besonderer und berührender Moment, den ich schriftlich mitteilte, als der Redestab herumging. Ich wollte nur, dass die anderen mitbekamen, was gerade geschehen war und was sich in mir bewegte.
Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, war, dass ich damit eine Welle der Anerkennung auslöste. Plötzlich drehte sich ein Beitrag nach dem anderen darum, wie die anderen auf mein Projekt und auf das blickten, was ich in diesem Jahr gemacht hatte. So seltsam das vielleicht klingen mag: In diesem Moment wollte ich all das überhaupt nicht hören. Es fiel mir schwer, es anzunehmen.
Ich wusste selbst, was ich geleistet und durchgemacht hatte, wie schwierig es manchmal gewesen war, aber auch, welche wunderbaren Momente, unbezahlbaren Erfahrungen und Erkenntnisse ich hatte erleben dürfen. Ich war bereits erfüllt von allem, was ich erlebt hatte. Wenn mir nun jemand sagte, wie mutig oder beeindruckend er das fand, konnte ich damit nur schwer umgehen. Die äußere Bestätigung brauchte ich dafür nicht mehr. Dafür war ich diesen Weg auch nicht gegangen.
Gleichzeitig konnte ich verstehen, dass die anderen das Bedürfnis hatten, mir ihre Anerkennung mitzuteilen. Die Erfahrung, die ich an den Bärenseen machte, war deshalb sehr wichtig. Denn auch Anerkennung setzt etwas in Gang. Ich habe das als Künstler nach erfolgreich umgesetzten Kunstprojekten oder bei Preisverleihungen allzu oft erlebt. Sie kann berauschend sein, wie Zucker: zunächst belebend, doch wenn der Rausch nachlässt, folgen leicht ein tiefes Loch und der Wunsch nach mehr.
Zu oft hatte ich selbst nach diesem Zucker gegriffen. In den vergangenen Jahren hatte ich immer deutlicher gemerkt, dass ich keine Kunst mehr machen sollte, um Anerkennung zu bekommen. Es muss darum gehen, etwas zu bewegen: bei mir selbst und im Idealfall auch bei anderen Menschen. Je abhängiger ich mich von der Bestätigung anderer machte, desto schwerer würde es werden, wenn der Erfolg irgendwann ausbliebe.
An den Bärenseen erkannte ich, dass ich Anerkennung annehmen konnte, ohne mich vor ihr zu verschließen oder an ihr festzuhalten. Ich konnte den anderen zuhören und ihren Worten in diesem Moment den nötigen Raum geben. Anschließend durfte die Anerkennung wieder weiterziehen, ohne allzu viel in mir in Bewegung zu setzen.
So war ich auch mit vielen der schwierigen Geschichten umgegangen, die mir unterwegs erzählt worden waren. Ich hatte ihnen zugehört. Sie waren durch mich hindurchgeflossen, ohne dass vieles davon seelisch in mir hängen blieb.
Am nächsten Tag fand ich die richtige Formulierung dafür: Ich hatte den Deckel nicht draufgemacht, hatte mich nicht verschlossen. Und auch diese Anerkennung versuchte ich nicht festzuhalten und mich an ihr festzuklammern. Sie durfte da sein und anschließend weiterziehen.
In den darauffolgenden Wochen wurde das zu einem wunderbaren Übungsfeld: annehmen und gleich wieder loslassen, sich in Bescheidenheit üben und sich von dem nähren, was man selbst erlebt hat und in sich trägt, nicht von dem, was man von außen bekommt.
Den Teilnehmenden an diesem Walk in Silence dankte ich schriftlich für ihre Anerkennung. Zugleich bat ich sie, mehr bei sich und bei den Erfahrungen zu bleiben, die sie gerade im Schweigen machten, anstatt sich allzu viele Gedanken darüber zu machen, was dieser Moment wohl für mich bedeutete. Mir genügte es, mich selbst dabei zu beobachten.
Die letzten Kilometer führten hinunter in den Stuttgarter Kessel. Als die Stadt unter mir lag und ich sie überblicken konnte, stiegen mir ein paar Tränen in die Augen. Ich hatte es geschafft. Dort unten lag mein Ziel.

Es war kein Freudentaumel, eher eine leise Anerkennung dessen, was hinter mir lag. Die Gefühle waren so gemischt, dass keines sich wirklich durchsetzen konnte. Und vielleicht entsprach genau das meiner Realität.
Mit dem Ankommen würde etwas Großes enden, etwas, das mich erfüllt hatte. Darüber lag eine leise Trauer. Vor mir wartete große Ungewissheit, aber auch die Freude, wieder an einem Ort bleiben zu können, Zeit mit den mir nahestehenden Menschen zu verbringen, wieder zu sprechen und mich verbal mitteilen zu können.
Alles war da. Nichts setzte sich wirklich durch. Die Freude nahm der Trauer etwas von ihrer Schwere und die Trauer der Freude etwas von ihrer Leichtigkeit. Es fühlte sich an, als würde ich trotz allem ganz in mir ruhen. Nur in den wenigen Tränen zeigte sich, dass unter dieser Ruhe sehr viel in Bewegung war, dass es irgendwo in mir brodelte.
Ich wollte keinen Zieleinlauf am Hospitalhof und kein Feiern. Deshalb hatte ich angekündigt, dass wir dort noch eine Abschlussrunde machen würden, in der jeder erzählen konnte, wie es ihm an diesem Tag ergangen war.
Danach wollte ich mich mit allen, die noch dabei sein wollten, in die Hospitalkirche setzen und zwanzig bis dreißig Minuten in die Stille gehen. Ich wollte in mich hineinlauschen und spüren, wie es sich anfühlte, an diesem Ort angekommen zu sein, vielleicht wirklich zur Ruhe zu kommen und anschließend mit einer gemeinsamen Verabschiedung den Tag und damit die Wanderung nach fast einem Jahr zu beenden.
Das fühlte sich für mich stimmig an. Es blieb ja noch das Ende des Projekts, die ersten Worte, bei denen es dann auch feierlich werden durfte. Das Ankommen aber war mein Moment, den ich nur mit wenigen Menschen teilen wollte. Im Schweigen hatte ich mich den Menschen durch meine Präsenz und mein Zuhören zugewandt. Mit den ersten Worten würde eine andere Form der Zuwendung hinzukommen. Ich konnte mich wieder sprachlich mitteilen und mit den Menschen in einen Austausch treten. Diese beiden Momente passten für mich zusammen. Allerdings ging mein Plan nicht ganz auf. Als wir gegen achtzehn Uhr den Hospitalhof erreichten, war die Kirche bereits verschlossen. Auch der Innenhof, in den wir uns hätten setzen können, war nicht mehr zugänglich. Wir machten unsere letzte Runde mit dem Redestab. Manche nahmen ihn mehrfach. Ich hielt meine schriftlichen Worte knapp, war wieder kurz den Tränen nah und dankte allen dafür, dass sie mich auf diesen letzten Kilometern begleitet hatten. Dann umarmte ich jeden Einzelnen und machte mich wortlos auf den Weg zur U-Bahn, auf den Weg nach Hause.

Es war ein leiser und schneller Abschied, aber nicht so, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Ich hatte gehofft, dass dieser Tag in der Stille enden würde. Wenn ich hätte sprechen können, wäre ich vielleicht zur Information gegangen und hätte nach einer anderen Möglichkeit gesucht.
Doch auch das war Teil meines Projekts. Sehr oft hatte ich Dinge hinnehmen müssen, weil ich ein Jahr lang nicht sprach. Vieles hatte ich einfach akzeptiert. So auch in diesem besonderen Moment: Die Kirche war verschlossen. Ich konnte es nur annehmen.
Annehmen, akzeptieren, loslassen, weitergehen.
Nun ging ich nach Hause, um dort die letzten fünf Tage meines Schweigejahres zu verbringen. Auch dort musste ich wieder ankommen. Auch dort warteten Herausforderungen, Freude und Erwartungen. Annehmen, akzeptieren, loslassen, weitergehen. Von nun an nur noch im übertragenen Sinn. Mein Weg ging weiter. Mein Weg durch Deutschland endete an diesem Tag.
