Tag 361 – Wo zuhören beginnt – Im Stuttgart Cancer Center – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl

Gleich am Tag nach meiner Ankunft in Stuttgart wartete eine Station auf mich, die mich mit einer völlig anderen Realität konfrontierte. Ich durfte im Stuttgart Cancer Center (SCC) zuhören. Nach Monaten auf einsamen Wegen stand ich plötzlich vor einem riesigen, hochmodernen, mehrstöckigen Neubau, der erst vor Kurzem eingeweiht wurde und in dem die gesamte Kompetenz der Krebsmedizin gebündelt ist. Jährlich werden hier mehr als 14.000 Krebspatientinnen und Krebspatienten behandelt. Es ist ein Gebäude, in dem man sich leicht verloren fühlen kann. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl wäre, hierherzukommen, weil der Verdacht auf Krebs im Raum steht. Und mitten in diesem riesigen Klinikbetrieb sollte ich nun einen Raum der Stille und des Zuhörens anbieten.
Dass sich dort eine Station für mich ergeben hatte, verdanke ich Bettina und Rainer. Mit ihrer Stiftung für Kunst und Leben engagieren sie sich auch in dieser Klinik und verfügen dort über gute Kontakte.
Eigentlich wollte ich im Verlauf meines Projekts häufiger in Kliniken und Hospizen zuhören. Rainer und ich waren der Ansicht, dass in diesem Umfeld ein besonders großer Bedarf bestehen würde, sowohl bei den Patientinnen und Patienten als auch beim Personal. Aber auch hier gab es zunächst eine Vorstellung, einen Wunsch, und am Ende kam alles ganz anders.
Becky hat im Laufe des vergangenen Jahres unzählige Kliniken angeschrieben, meistens jedoch nicht einmal eine Rückmeldung erhalten. Selbst über Ärztinnen, Ärzte und persönliche Kontakte war es schwierig. Niemand fühlte sich dafür verantwortlich, ein solches Projekt in einem riesigen Apparat zu betreuen, die Patientinnen und Patienten auf mein Kommen aufmerksam zu machen und die Fragen zu klären, die damit verbunden waren.
Vielleicht war aber noch etwas anderes entscheidend. Ich habe in diesem Jahr den Eindruck gewonnen, dass das Personal in vielen Krankenhäusern so weit an seinen Grenzen arbeitet, dass alles Neue und Unbekannte zunächst wie eine zusätzliche Belastung erscheint. Auch ein schweigender Zuhörer, so gut sein Angebot gemeint ist, muss organisiert, erklärt und begleitet werden.
So wäre mein Zuhören womöglich gerade für diejenigen, die ich entlasten wollte, zunächst mit mehr Arbeit verbunden gewesen. In einem System, das seit Jahren an seinen Belastungsgrenzen funktioniert, kann schon etwas Kleines das Fass zum Überlaufen bringen.
Dass es im Klinikum Stuttgart dennoch geklappt hat, lag neben der Verbindung zur Stiftung auch daran, dass wir dort mit Catrin Rathgeb, PR-Managerin, eine sehr engagierte Ansprechpartnerin hatten. Rainer hatte den Kontakt hergestellt, und Catrin setzte sich stark für mein Projekt ein.
Hinzu kam eine Besonderheit des SCC, die wahrscheinlich für alle Kliniken wünschenswert wäre, aber wohl eher eine Ausnahme darstellt. Das Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl im Klinikum Stuttgart bietet neben der medizinischen Behandlung auch zahlreiche begleitende Unterstütungsangebote an. Dazu gehören Mind-Body-Medizin mit Meditation und Qigong, Kunsttherapie, Akupunktur, Ernährungstherapie, Sportsprechstunden und vieles mehr. Selbst Ausflüge ins Kunstmuseum mit einem Kunsthistoriker und einer Neurochirurgin werden angeboten, bei denen die Teilnehmenden einen neuen Blick auf die Kunst und das Leben gewinnen können.
Es ist ein ganzheitliches Konzept, wie ich es eher in einer Privatklinik für gut zahlende Patientinnen und Patienten erwartet hätte als in einer der größten Kliniken Stuttgarts. Getragen werden viele dieser Angebote überwiegend von einer privaten Stiftungen.
Besonders beeindruckt haben mich die Patientenlotsinnen und Patientenlotsen. Sie sind medizinisch geschult und stehen den Patientinnen und Patienten während der gesamten Behandlung als Ansprechpersonen zur Verfügung. Sie beantworten Fragen, vermitteln bei Bedarf an die richtigen Fachärztinnen und Fachärzte, begleiten die Behandlung von der Diagnose bis zur Nachsorge und weisen auf passende Unterstütungsangebote hin.
Vor allem aber unterliegen sie keinem Patientenschlüssel. Sie haben die Möglichkeit, auch einmal länger zuzuhören und sich einem Menschen ganz zuzuwenden, was dem übrigen Personal im Klinikalltag kaum möglich ist.
Dabei erfahren sie häufig Dinge, die in kurzen Sprechstunden untergehen. So kann sich zum Beispiel herausstellen, dass ein Medikament weiterhin eingenommen wurde, das die Wirkung einer Chemotherapie beeinträchtigte. Bei der Suche nach der Ursache war es zuvor nicht erwähnt worden, weil der Patient es selbst für nebensächlich gehalten hatte.
Ein Beispiel dafür, dass Zuhören nicht nur menschliche Nähe schafft, sondern auch ganz konkrete Auswirkungen auf eine Behandlung haben kann.

Auch von der Mind-Body-Medizin war ich regelrecht angetan. Sie wird von Jules geleitet, einem Zen- und Qigong-Lehrer. An seiner Tür hing ein Schild mit einem Zitat von Immanuel Kant:
„Nicht sehen trennt von den Dingen, nicht hören trennt von den Menschen.“
Darunter stand, dass in einer lauten Welt die Stimme der Stille nicht hörbar sei und erst in ihr das wahre Zuhören beginne. Zum Zuhören gehöre auch das Gehörtwerden. Zugleich habe die Stille zwei Gesichter: Sie könne befreiend und beruhigend wirken, aber auch existenzielle Ängste auslösen. Meditation könne helfen, darin eine gute Balance zu finden.
Diesen Text an Jules’ Tür zu lesen und all das zu hören, was mir an diesem Tag erzählt wurde, vermittelte mir den Eindruck, am richtigen Ort zu sein. Ich verstand, weshalb sie meinem Besuch zugestimmt hatten und ich mit meinem Projekt willkommen war, während es sich an so vielen anderen Orten als schwierig erwiesen hatte.
In dieser Klinik wird bewusst versucht, einen Raum für das Zuhören zu schaffen. Es ist ein elementarer Bestandteil des Behandlungskonzepts. Dazu passte es, dass auch ich den Patientinnen, Patienten und Angestellten zuhören durfte.
Catrin war die erste Person, der ich ausführlich zuhörte. Sie erzählte mir vom Klinikalltag, davon, was das SCC auszeichnet und worin sie ihre Aufgabe im Bereich Öffentlichkeitsarbeit sieht.
Sie möchte dazu beitragen, das Bild von Krebs zu verändern, das sich in vielen Köpfen festgesetzt hat. Die Vorstellung, Krebs müsse vor allem „bekämpft“ werden, prägt die öffentliche Kommunikation bis heute. Doch die Kampfmetapher kann für Betroffene zur zusätzlichen Belastung werden: Sie vermittelt, der Krankheitsverlauf hänge in erster Linie von der eigenen Willenskraft ab. Wer stirbt, erscheint dann im Umkehrschluss als jemand, der den Kampf nicht gewonnen hat.
Medizinischer Fortschritt verläuft jedoch gerade in der Onkologie meist schrittweise. Neue Therapien ermöglichen häufig ein längeres und besseres Leben mit der Erkrankung – auch dann, wenn eine Heilung nicht mehr möglich ist. Verantwortungsvolle Kommunikation sollte deshalb Hoffnung vermitteln, ohne falsche Erwartungen zu wecken: Es geht nicht nur darum, gegen Krebs zu kämpfen, sondern auch darum, mit der Erkrankung einen lebenswerten Weg zu finden.
Noch mehr berührte mich ihre Sicht auf Menschen, die der Krankheit schließlich erliegen. Zwar verlieren sie am Ende ihr Leben, doch manche schlagen in ihren letzten Monaten noch einmal ganz neue Wege ein und schließen Frieden mit sich selbst. Ist es ein verlorener Kampf, wenn ein Mensch am Ende mit sich und seinem Leben im Reinen ist und gehen darf?
Die Krankheit und ihr Verlauf sind so individuell, und die Menschen finden einen so unterschiedlichen Umgang damit, dass sich kein allgemein richtiger Weg benennen lässt. Im SCC versuchen sie, auf diese verschiedenen Bedürfnisse einzugehen. Die begleitenden Angebote können den Menschen das Gefühl geben, nicht nur behandelt, sondern auch gesehen und gehört zu werden.
Für mich klang das alles sehr nachvollziehbar. Ich glaube, dass Zuhören etwas Heilendes haben kann. Nicht, weil dadurch der Krebs verschwindet, sondern weil ein Mensch sich nicht allein gelassen fühlt. Vielleicht entwickelt er dadurch mehr Vertrauen, lernt besser mit seinen Ängsten umzugehen und kann der Krankheit und der Behandlung mit anderen inneren Kräften begegnen.
Gleichzeitig erfuhr ich, dass solche Angebote auch innerhalb eines Krankenhauses nicht selbstverständlich sind. Es muss immer wieder darum gerungen werden, wie viel Raum für menschliche Begleitung bleibt und was sich finanzieren oder durch Studien und Zahlen belegen lässt. Menschliche Nähe, Vertrauen und das Gefühl, gehört zu werden, lassen sich nur schwer in einem Kosten-Nutzen-Plan abbilden.
Wie gut, dass am SCC Wege gefunden wurden, diesen Dingen trotzdem Raum zu geben, und dass das Konzept von der Klinikleitung unterstützt wird.
Nachdem Catrin ihre ausführliche Erzählung beendet hatte, war es bereits Zeit, einige Stockwerke hinaufzugehen und Jules zum ersten Mal persönlich zu treffen. Wir nutzten das Treppenhaus, nachdem Catrin sich sicher war, dass es für jemanden, der einmal durch Deutschland gewandert ist, kein Problem sein dürfte, in den dritten Stock hinaufzugehen. Ihr tat dieses tägliche Treppenlaufen gut, um in diesen kurzen Pausen zu verarbeiten, was gerade anlag. Und auch mir tat es gut, loszulassen, was ich gerade gehört hatte, und mich auf die nächste Begegnung innerlich vorzubereiten.
Jules ist Zen-Lehrer und Dharma-Halter, außerdem Meditationslehrer, medizinischer Qigong-Trainer und Tai-Chi-Lehrer mit mehr als zwanzig Jahren Erfahrung. Als Mitarbeiter der Integrativen Tumormedizin begleitet er Patientinnen, Patienten und Angehörige.
Er hatte mich eingeladen, an einer Qigong-Stunde teilzunehmen.
Diese Stunde tat mir unglaublich gut. Erst am Tag zuvor war ich in Stuttgart und damit an meinem Ziel angekommen. Schon am nächsten Morgen ging es weiter in die Klinik. Es hatte kaum Raum gegeben, etwas zu verarbeiten und selbst anzukommen.
Bei den Übungen, die Jules anleitete, spürte ich, wie ich mich zentrieren konnte. Bei vielen der Übungen konnte ich die Augen schließen und alles um mich herum ausblenden. Nach dem vielen Gehen im letzten Jahr konnte ich endlich einen festen Stand finden, mit jedem Atemzug Kraft aus dem Boden über die Füße emporsteigen lassen, mich zugleich erden und verwurzeln. Ich konnte an diesem Ort im Krankenhaus sein, mit allem, was ich inzwischen darüber erfahren hatte, und gleichzeitig ganz bei mir bleiben.
Es fühlte sich beinahe so an, als wäre die Stunde auch für mich konzipiert worden und nicht nur für Patientinnen und Patienten, die vermutlich noch viel Schwereres zu tragen hatten. In den Übungen konnten sie sich mit sich selbst und ihrem Körper verbinden, vielleicht ein wenig ihre Mitte finden und neue Energie gewinnen. Zumindest bei mir funktionierte es wunderbar.

Im Anschluss hielt Jules gemeinsam mit Minou Nadji-Ohl einen Vortrag mit anschließendem Gespräch für Patientinnen, Patienten und weitere Interessierte. Aus ihren unterschiedlichen fachlichen Hintergründen blickten sie auf die Themen Zuhören und Stille. Der Vortrag war eigens auf meinen Besuch zugeschnitten.
Minou Nadji-Ohl war leitende Fachärztin für Neurochirurgie und auf die operative Behandlung von Tumoren des zentralen Nervensystems spezialisiert. Sie sprach darüber, was im Gehirn geschieht, wenn wir zuhören, und darüber, was Stille aus neurologischer Sicht bedeutet.
Unser Gehirn besitzt gar nicht die Kapazität, alle Informationen zu verarbeiten, die ständig um uns herum entstehen. Es gibt deshalb eine Art Filter, der entscheidet, was relevant ist, zu uns durchdringt und möglicherweise abgespeichert wird. Geräusche und Wahrnehmungen, die uns vor einer Gefahr warnen, nehmen wir eher wahr. Andere können wir ausblenden, zum Beispiel das Zwitschern von Vögeln, solange wir unsere Aufmerksamkeit nicht bewusst darauf richten. Dieser Filter entscheidet also darüber, ob wir äußeren Lärm ausblenden können oder nicht. Galt das auch für den inneren Lärm? Welche Gedanken wir bewusst wahrnehmen und welche einfach in unserem Unterbewusstsein kreisen, fragte ich mich.
Spannend fand ich auch ihre Erzählung darüber, dass die messbaren Schwingungen in unseren Gehirnen beim Zuhören miteinander in Resonanz gehen und sich aufeinander einpendeln können.
Vielleicht ließ sich damit auch etwas von dem erklären, was Menschen mir nach unseren Begegnungen beschrieben hatten. Manche erzählten, dass sie während meines Zuhörens ruhiger geworden seien. Vielleicht waren wir durch diese Form der Aufmerksamkeit tatsächlich miteinander in Resonanz gegangen. Vielleicht pendelten sich dabei sogar unsere Gehirnaktivitäten aufeinander ein. Wenn das stimmt, war mein Schweigen keine Leere, sondern ein Resonanzraum.
Vielleicht ist es auch das, was ich als Meditationslehrer meine, wenn ich davon spreche, einen Raum zu halten. Wenn ich einfach dasitze, versuche ich in meiner Ruhe zu bleiben und mich nicht in die Unruhe der anderen hineinziehen zu lassen. Vielleicht können sich die Menschen dann ein wenig auf meine Ruhe einschwingen?
Besonders in Erinnerung blieb mir die Aussage, dass unser Gehirn eigentlich nie aufhört, Gedanken zu produzieren. Die Gedankenstille, die viele Menschen in der Meditation anstreben, existiere in diesem Sinne gar nicht.
Ganz deckte sich das nicht mit meiner eigenen Erfahrung. Im vergangenen Jahr kannte ich durchaus Zustände, in denen es sich für mich anfühlte, als wäre es ganz still in mir. Zum Beispiel, wenn ich durch einen wunderschönen Wald ging und vollständig im Wahrnehmen aufging: wenn ich das Rascheln des Laubs im Wind hörte, vereinzelte Sonnenstrahlen auf meiner Haut spürte, den Duft des Waldes einatmete und das Grün der Blätter und die Erhabenheit der hohen Bäume jeden Gedanken ausräumten. Doch auch in diesem unmittelbaren Wahrnehmen gab es natürlich weiterhin Hirnaktivität, die sie vermutlich ebenfalls als Denken bezeichnen würde.
Allzu gerne hätte ich ihr während ihres Vortrags von meinen Erfahrungen erzählt und Fragen gestellt, um besser zu verstehen – vielleicht, um eine wissenschaftliche Erklärung für das zu erhalten, was ich erfahren habe. Aber als Schweigender mit meinem selbstauferlegten Gelübde war das nicht möglich, und auch um sie aufzuschreiben, blieb kaum Raum. Bis ich eine Frage formuliert hätte, wäre der Vortrag längst an einer ganz anderen Stelle gewesen.
Jules ging auf den Vortrag von Minou Nadji-Ohl ein und sagte etwas, das mich sofort fesselte: Es werde still im Kopf, wenn man mit sich selbst sein könne. Meditation sei vielleicht eines der besten Übungsfelder, um genau das zu lernen.
Und er ergänzte:
Wer mit sich selbst sein kann, kann auch mit jedem anderen sein.
Diese Aussage bewegte mich zutiefst.
Vielleicht ist das eine Kernaussage meines Projekts, für die ich nun, am Ende meiner Reise, eine neue und möglicherweise leichter verständliche Formulierung gefunden hatte.
Im Verlauf des vergangenen Jahres war mir bewusst geworden, dass die Sehnsucht nach Stille vielleicht eine der zentralen Sehnsüchte unserer Zeit ist. Gemeint ist damit nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen, sondern eine innere Ruhe, in der Gedanken, Sorgen und Ängste für einen Moment an Bedeutung verlieren.
Doch Stille ist ein abstraktes Wort. Manche Menschen haben sogar Angst davor, sich ihr auszusetzen, und suchen sie deshalb auch nicht. Vielleicht ist es leichter verständlich, wenn man sagt, dass sich viele Menschen danach sehnen, es gut mit sich selbst auszuhalten, sich mit sich selbst anzufreunden.
Um mit sich selbst sein zu können, muss man lernen, sich selbst zuzuhören und wahrzunehmen, was im eigenen Kopf vor sich geht. Man muss nicht jeden Gedanken glauben oder ihm folgen. Vielleicht kann man lernen, Gedanken immer wieder loszulassen oder ihnen mitfühlend zu begegnen.
Es geht auch darum, neben all dem Schweren Raum für anderes zu öffnen: für Dankbarkeit, Freude und Liebe. Nicht um Sorgen und Ängste zu verdrängen, sondern um ihnen etwas entgegenzustellen.
Wenn ich Jules’ Gedanken weiterdenke, ist es vielleicht auch deshalb so laut in unserer Welt geworden, weil viele Menschen es nur schwer mit sich selbst aushalten. Weil wir verlernt haben, uns selbst zuzuhören und mit dem umzugehen, was sich in unserem eigenen Kopf abspielt. Stattdessen suchen wir Ablenkung im Außen.
Zugleich erfüllte mich dieser Gedanke mit Hoffnung. Wenn wir wieder lernen, besser mit uns selbst zu sein, können wir vielleicht auch anderen Menschen anders begegnen. Vielleicht werden wir dann eher fähig, ihnen zuzuhören, ohne sofort zu bewerten, zu urteilen oder uns verteidigen zu müssen.
Tiefes und wertfreies Zuhören beginnt dann nicht erst bei einem anderen Menschen, sondern bei uns selbst.
Es war ja auch in diesem ganzen Jahr so gewesen, dass ich fast ausschließlich Menschen begegnet war, die ich als wunderbar empfand. Ich hatte kaum negative Erfahrungen gemacht. Von keinem Gastgeber war ich enttäuscht worden, und beinahe überall hätte ich es länger ausgehalten.
Vielleicht lag das nicht nur an all den großartigen Menschen, denen ich begegnen durfte. Vielleicht hatte die innere Ruhe, die im Laufe des Jahres in mir gewachsen war, auch meinen Blick auf sie verändert und mir geholfen, ihnen offener zu begegnen.
In diesem Jahr des Schweigens musste ich mir selbst sehr viel zuhören. Ich hatte gelernt, mit dem umzugehen, was sich in mir erzählte, auch wenn das nicht immer leicht war. Je länger ich unterwegs war, desto besser ging es mir.
Wir müssen in dieser lauten und polarisierten Welt deshalb nicht nur lernen, anderen aufrichtig zuzuhören, sondern gleichzeitig auch uns selbst. Stille und Schweigen können uns den Raum dafür geben. Ein Gedanke, der mich faszinierte, weil er vieles von dem zusammenführte, was ich in diesem Jahr erlebt hatte.
Der Vortrag wurde auch live an Patientinnen und Patienten übertragen, die zu Hause waren. Einige befanden sich bereits in der Nachbehandlung, hatten ihre Chemotherapie hinter sich und versuchten, nach dem Erlebten wieder Fuß im Leben zu fassen.

Später erzählte mir ein Patient, wie viel Halt ihm die Meditation und andere ergänzenden Angebote in dieser schwierigen Zeit gegeben hatte. Durch sie habe er einen anderen Blick auf sein Leben gewonnen. Nach seiner Krankheit sehe er nun auch die Chance, Dinge in Angriff zu nehmen, die er zuvor nicht erkannt oder nicht hatte verändern wollen.
Auch für mein Zuhören bedankte er sich sehr.
Vielen Patientinnen und Patienten konnte ich an diesem Tag dennoch nicht zuhören. Ich war lange oben bei Jules geblieben, und einige Menschen hatten gerade dann vorbeigeschaut, als ich bereits anderen zuhörte.
Ich hatte mit vielen Erzählungen über Krankheiten, die damit verbundenen Herausforderungen und Ängste gerechnet. Das hielt sich jedoch in Grenzen.
Stattdessen durfte ich viel über ein Gesundheitssystem lernen, in dem immer wieder darum gerungen werden muss, neben der medizinischen Behandlung auch das Menschliche zu bewahren. Und ich lernte Menschen kennen, die genau dafür Räume schaffen: für Begleitung, für Stille und für das Gefühl, nicht nur behandelt, sondern als ganzer Mensch wahrgenommen zu werden.
Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, war, dass ich dort selbst eine neue Sprache für meine Erfahrungen finden würde. In einem Vortrag durfte ich Dinge hören, die am Ende meiner Reise vieles von dem zusammenfassten, was ich am eigenen Körper erlebt hatte.
Ich war in die Klinik gegangen, um den Kranken mein Zuhören zu schenken. Stattdessen bekam ich von den Ärztinnen, Ärzten und Therapeuten Worte geschenkt, die eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses Jahres auf einfache Weise erklärten. Ich wollte an diesem Tag geben und habe selbst etwas erhalten.
Auch das passt zu dieser Reise, auf der so vieles seinen eigenen Weg genommen hat. Anders, als ich es mir vorgestellt hatte, und vielleicht gerade deshalb so bereichernd.