Tag 365 – Der Tag der ersten Worte

Für den Tag meiner ersten Worte nach 365 Tagen im Schweigen war der bis dahin heißeste Tag des Jahres angekündigt, mit Temperaturen von über 35 Grad. Der Stuttgarter Kessel heizte sich im Laufe des Tages immer weiter auf und schien am Abend zu kochen.
Würden sich bei einem solchen Wetter überhaupt viele Menschen auf den Weg machen?
Auf der anderen Seite war sich die Leitung des Hospitalhofs nicht sicher, ob der für die Veranstaltung vorgesehene Raum mit seinen 150 Stühlen groß genug sein würde. Die Medien hatten ausführlich über meine Rückkehr und den Abend berichtet. Vielleicht würden die Plätze nicht ausreichen.
Im Haus gab es noch einen großen Saal mit über 300 Sitzplätzen. Dieser war jedoch bis zum Nachmittag von einem Filmfestival belegt, und die gesamte Technik musste anschließend noch abgebaut werden. Es war nicht klar, ob er rechtzeitig frei werden würde. Falls ein Umzug notwendig geworden wäre, hätte die Entscheidung sehr kurzfristig fallen müssen.
Eigentlich hätte mir das egal sein können. Schließlich ging es vor allem darum, meine ersten Worte zu sprechen. Aber ich hatte einen Livestream der Veranstaltung angekündigt, für den die Technik rechtzeitig aufgebaut werden musste.
Da es nicht in unserem Budget lag, jemanden vom Fach zu engagieren, hatte ich in den Tagen zuvor alles gemeinsam mit Becky getestet. Obwohl ich die Technik aus früheren Projekten selbst besaß und einiges an Erfahrung mitbrachte, war es nicht damit getan, alles anzuschließen und loszulegen. Immer wieder tauchten Probleme auf. Ein spontaner Wechsel des Saals hätte zusätzlichen Stress bedeutet, vor allem für Becky, die sich zwar sehr gut eingearbeitet hatte, aber keine Technikerin war.
Ich hatte schon häufiger vor einem großen Publikum gesprochen. Leicht fiel mir das allerdings nie. Es machte mich sehr nervös.
In den Wochen zuvor hatte ich mich immer wieder gefragt, was ich mir da eigentlich selbst eingebrockt hatte: ein Jahr lang nicht zu sprechen und meine Stimme im Kontakt mit anderen Menschen nicht zu benutzen, nur um sie dann zum ersten Mal wieder vor einem großen Publikum einzusetzen, das gespannt darauf wartete, was ich sagen würde. Hinzu kam die Presse, die sich für den Abend angekündigt hatte.
Viel dramatischer hätte man es kaum aufziehen können.
Was, wenn ich dort oben stand, meine ersten Worte sprechen wollte und nur Luft statt der Worte herauskam?
Natürlich hatte ich meine Stimme für mich allein ausprobiert. Unterwegs hatte ich immer wieder gesungen, wenn niemand in der Nähe war, um sie nicht vollständig zu verlieren. Aber würde das ausreichen, um nun gleich vor einem großen Publikum zu sprechen? War das nicht etwas zu viel auf einmal und vielleicht auch leichtsinnig?
Am Mittag erreichte mich eine Nachricht von Wolfgang Ullrich. Alle Züge von München nach Stuttgart seien gestrichen worden, und es sei nicht absehbar, wann sie den Betrieb wieder aufnehmen würden. Er müsse nun über Nürnberg fahren und würde, sofern alles nach Plan ginge, gegen 19:15 Uhr im Hospitalhof eintreffen.
Die Veranstaltung begann um 19:30 Uhr.
Und was lief bei der Bahn heutzutage noch nach Plan? Vor allem an einem Tag, an dem neue Hitzerekorde erwartet wurden?
Trotzdem schrieb ich Wolfgang zurück:
„Ich glaube zu spüren, dass alles gut gehen wird. Was auch immer das bedeutet.“
Wie abenteuerlich seine Anreise noch werden würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht.
Unter normalen Umständen hätten all diese Dinge dazu führen müssen, dass ich unglaublich nervös wurde. An diesem Tag geschah das Gegenteil.
Je näher der Beginn der Veranstaltung rückte, desto ruhiger wurde ich. Die Ereignisse um mich herum schienen sich immer schneller zu drehen, doch das schien mich nur noch mehr zu zentrieren.
Das verwunderte mich, weil ich in den letzten Tagen meiner Wanderung das Gefühl gehabt hatte, überhaupt nicht mehr bei mir zu sein. Auf den letzten Kilometern war meine ganze Achtsamkeit und Präsenz all den Gedanken gewichen, die mir durch den Kopf gingen.
Ich hatte sehr damit gehadert, weil ich geglaubt hatte, die letzten Tage in tiefer innerer Ruhe unterwegs zu sein. Auch in den Texten über diese Tage lässt sich herauslesen, wie schwer mir die Aussicht gefallen war, in Stuttgart anzukommen.
Aber an diesem Tag war ich ganz bei mir.
Es fühlte sich an, als wäre meine Präsenz in den letzten Wochen auf Sparflamme gelaufen, damit ich an diesem Tag plötzlich aus dem Vollen schöpfen konnte.
Ich blieb ruhig.
Trotz der 37 Grad, die an diesem Nachmittag in der Region Stuttgart gemessen wurden, fanden sich 130 bis 140 Menschen im Hospitalhof ein. Der Saal war fast voll, aber nicht überfüllt. Wir mussten nicht wechseln, worüber ich sehr erleichtert war. Dass die Räume klimatisiert waren, machte es für alle Beteiligten wesentlich angenehmer.
Viele Freundinnen und Freunde, Bekannte und Menschen trafen ein, die mich im vergangenen Jahr begleitet, unterstützt oder gefördert hatten oder mir online durch meine Texte gefolgt waren.
Es gab an diesem Abend viele Umarmungen. Vor Beginn der Veranstaltung noch im Schweigen, danach begleitet von Worten. Es war wunderbar, all diese Menschen zu sehen. Das rührte mich, und ich hatte das Gefühl, dass sie mich durch diesen Abend trugen.
Manche von ihnen hatte ich schon in den Tagen zuvor gesehen, andere seit einem Jahr nicht mehr. Jedem hätte ich gerne mehr Zeit geschenkt, doch meistens blieb nur eine feste Umarmung, weil schon die Nächsten darauf warteten, begrüßt zu werden. Aber in diesem Moment brauchte es auch keine Worte. Meine stillen Begrüßungen sagten genug.
Nach den Begrüßungsworten von Monika Renninger, der Leiterin des Hospitalhofs, gab Wolfgang Ullrich eine Einführung. Als Kunsthistoriker ordnete er mein Projekt ein und ließ das Publikum an seiner Sicht darauf teilhaben.
Wolfgang hatte mein Projekt von seinem Beginn bis zu diesem letzten Abend begleitet. Während des gesamten Jahres waren wir in Kontakt geblieben. Zahlreiche E-Mails gingen zwischen uns hin und her und regten Gedanken an, die zum Teil auch in meine Texte eingeflossen sind. Außerdem war ich in Leipzig für einige Tage sein Gast gewesen, sodass er auch von seiner persönlichen Begegnung mit mir, dem schweigenden Künstler, berichten konnte.
Seine Sicht auf mein Projekt war mir deshalb besonders wichtig. Als er trotz aller Schwierigkeiten rechtzeitig im Hospitalhof eintraf, war ich sehr erleichtert.
Erst nach der Veranstaltung erfuhr ich von der ganzen Dramatik seiner Anreise. Nachdem auch die Züge von Nürnberg nach Stuttgart ausgefallen waren, war Wolfgang über Würzburg weitergereist. Dort hatte er jedoch die letzte mögliche Verbindung verpasst und sich schließlich in ein Taxi gesetzt, das ihn noch zwanzig Minuten vor Beginn der Veranstaltung zum Hospitalhof brachte.
Ich hatte nur gewusst, dass er es schaffen würde, nicht aber, was er dafür in Kauf nehmen musste.
Nun durfte ich ein letztes Mal zuhören.
Doch diesmal sprach der Erzähler nicht, wie so viele Menschen im vergangenen Jahr, über sich selbst. Wolfgang erzählte nichts von seiner abenteuerlichen Anreise und der langen Taxifahrt. Nur dem heißen Wetter, das es in fast demselben Ausmaß bereits beim Start meines Projekts gegeben hatte, widmete er einige Worte, bevor er auf mich und meine Arbeit zu sprechen kam.
Ich versuchte zuzuhören, wie ich es im vergangenen Jahr so oft getan hatte: ganz da zu sein, die gesprochenen Worte in mich aufzunehmen und sie durch mich hindurchfließen zu lassen. Im Idealfall, ohne sie sofort zu bewerten. Doch wenn in solch einem Moment über einen selbst und die eigene Arbeit gesprochen wird, ist das wohl kaum möglich.
Es rührte mich sehr, mein Werk in Beziehung zu großen Künstlerinnen und Künstlern der Performancekunst gesetzt zu hören, von Joseph Beuys bis Marina Abramović. Wolfgang ging jedoch nicht nur auf die kunstgeschichtlichen Bezüge ein. Ihm war ebenso wichtig, wo sich meine Arbeit von diesen Positionen unterschied, welche neuen künstlerischen Wege ich eingeschlagen und in welcher Hinsicht ich neue Maßstäbe gesetzt hatte.
Diese Worte erfüllten mich mit einem gewissen Stolz, gerade weil sie aus dem Mund eines bedeutenden Kunstwissenschaftlers kamen.
Im Vorfeld hatte ich Wolfgang nur sehr grob angedeutet, worüber ich in meinen ersten Worten sprechen würde. Nun sprach er von dem Lächeln, das er auf so vielen Bildern von mir gesehen hatte.
Während ich ihm zuhörte, musste ich an meinen Besuch bei ihm in Leipzig denken. Es war Februar gewesen, und draußen lag Schnee. Als ich damals vor seiner Tür stand, hatte Wolfgang mich angesehen und gesagt: „Ihnen scheint es gut zu gehen!“
Auch damals hatte ich gelächelt. Es war schließlich keine Selbstverständlichkeit, im tiefsten Winter einen zufriedenen und lächelnden Wanderer vor der eigenen Haustür zu empfangen.
Was Wolfgang nicht wissen konnte: Auch in meinen vorbereiteten ersten Worten spielte dieses Lächeln eine Rolle. Fast schien es, als hätten wir uns abgesprochen. Und vermutlich lag es auch jetzt auf meinen Lippen, während ich ihm ein letztes Mal schweigend zuhörte, ohne dass ich es bewusst aufsetzen musste.
Es war ein Teil von mir geworden.
Nachdem Wolfgang seinen Vortrag beendet hatte, war mein Moment gekommen. Bis dahin hatte ich auf der Bühne gesessen. Für meine ersten Worte stand ich auf. Ich wollte sie im Stehen und auch nicht hinter einem Rednerpult sprechen, das mir vielleicht einen gewissen Schutz geboten hätte.
Diesen Schutz brauchte ich nicht.
Ich musste mich nicht verstecken, sondern konnte dem Publikum entgegentreten und mich ihm ganz zuwenden.
Als ich dort oben auf der Bühne stand, lauschte ich in mich hinein. Ich war davon ausgegangen, dass mein Herz schnell und heftig schlagen würde. Dass da viel Aufregung sein würde, vielleicht auch jene Zerrissenheit, die ich in den vergangenen Wochen so oft gespürt hatte.
Nichts davon war wahrzunehmen.
Ich staunte über mich selbst und über diese Ruhe. Ich hatte mir vorgenommen, dort oben eine bewusste Pause zu machen und die Stille vor meinen ersten Worten wirken zu lassen. Doch in diesem Moment war keine Inszenierung nötig.
Während ich in die erwartungsvollen Gesichter des Publikums schaute, spürte ich die Dankbarkeit in mir aufsteigen, von der ich gleich sprechen würde. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort stand, bevor ich sie in Worte fasste.
Dann öffnete ich den Mund.
Es kamen tatsächlich Worte heraus. In den ersten Sekunden klang meine eigene Stimme für mich beinahe fremd. Sie war noch zaghaft und nicht raumerfüllend. Wie hätte es nach einem Jahr der Stille auch anders sein können? Ich musste mich selbst erst wieder an ihren Klang gewöhnen.
Aber es war keine heiße Luft.
Unmittelbar nach meinen ersten Worten hatte ich im Ablauf einige gemeinsame Minuten des Schweigens vorgesehen. Die Stille war schließlich einer der wichtigsten Aspekte meiner Reise gewesen. Vielleicht war sie das, was ich in dieser lauten Welt mit anderen teilen konnte.
Nachdem ich gesprochen hatte, saßen wir deshalb für einige Minuten gemeinsam schweigend da. Ich konnte nachwirken lassen, was ich gerade gesagt hatte, und die tiefe Verbundenheit im Raum spüren.
Diese fünf Minuten unterstrichen für mich das zuvor Gesagte. Sie gaben mir die Möglichkeit, nach meinen ersten Worten noch einmal bei mir anzukommen, bevor das Künstlergespräch und die Fragen aus dem Publikum begannen.
Diese Ruhe blieb mir auch im anschließenden Gespräch erhalten. Es fiel mir leicht, Antworten auf die Fragen zu finden. Manchmal war ich selbst erstaunt darüber, was aus meinem Mund kam. Die Worte wirkten nicht ausgedacht, sondern wie etwas, das sich während dieses Jahres in mir gebildet und verinnerlicht hatte.
Vielleicht hatte ich ein Jahr lang nicht gesprochen, aber deshalb nicht weniger nach Worten gesucht.
Es war eine zutiefst bewegende Veranstaltung für mich. Dass sie auch viele Menschen im Publikum berührt hatte, erfuhr ich in den Gesprächen danach.
Diese Worte markierten an diesem Abend das Ende meines Projekts und zugleich den Anfang von etwas Neuem. Mit ihnen möchte ich nun auch den langen Weg meiner Berichte über dieses Jahr beenden.
Wenn ich sie heute wieder lese, habe ich das Gefühl, dass ich sie noch immer genauso sagen würde. Deshalb sollen sie nun für sich selbst stehen.

Wolfgang hatte mein Projekt von seinem Beginn bis zu diesem letzten Abend begleitet. Während des gesamten Jahres waren wir in Kontakt geblieben. Zahlreiche E-Mails gingen zwischen uns hin und her und regten Gedanken an, die zum Teil auch in meine Texte eingeflossen sind. Außerdem war ich in Leipzig für einige Tage sein Gast gewesen, sodass er auch von seiner persönlichen Begegnung mit mir, dem schweigenden Künstler, berichten konnte.
Seine Sicht auf mein Projekt war mir deshalb besonders wichtig. Als er trotz aller Schwierigkeiten rechtzeitig im Hospitalhof eintraf, war ich sehr erleichtert.
Erst nach der Veranstaltung erfuhr ich von der ganzen Dramatik seiner Anreise. Nachdem auch die Züge von Nürnberg nach Stuttgart ausgefallen waren, war Wolfgang über Würzburg weitergereist. Dort hatte er jedoch die letzte mögliche Verbindung verpasst und sich schließlich in ein Taxi gesetzt, das ihn noch zwanzig Minuten vor Beginn der Veranstaltung zum Hospitalhof brachte.
Ich hatte nur gewusst, dass er es schaffen würde, nicht aber, was er dafür in Kauf nehmen musste.
Nun durfte ich ein letztes Mal zuhören.
Doch diesmal sprach der Erzähler nicht, wie so viele Menschen im vergangenen Jahr, über sich selbst. Wolfgang erzählte nichts von seiner abenteuerlichen Anreise und der langen Taxifahrt. Nur dem heißen Wetter, das es in fast demselben Ausmaß bereits beim Start meines Projekts gegeben hatte, widmete er einige Worte, bevor er auf mich und meine Arbeit zu sprechen kam.
Ich versuchte zuzuhören, wie ich es im vergangenen Jahr so oft getan hatte: ganz da zu sein, die gesprochenen Worte in mich aufzunehmen und sie durch mich hindurchfließen zu lassen. Im Idealfall, ohne sie sofort zu bewerten. Doch wenn in solch einem Moment über einen selbst und die eigene Arbeit gesprochen wird, ist das wohl kaum möglich.
Es rührte mich sehr, mein Werk in Beziehung zu großen Künstlerinnen und Künstlern der Performancekunst gesetzt zu hören, von Joseph Beuys bis Marina Abramović. Wolfgang ging jedoch nicht nur auf die kunstgeschichtlichen Bezüge ein. Ihm war ebenso wichtig, wo sich meine Arbeit von diesen Positionen unterschied, welche neuen künstlerischen Wege ich eingeschlagen und in welcher Hinsicht ich neue Maßstäbe gesetzt hatte.
Diese Worte erfüllten mich mit einem gewissen Stolz, gerade weil sie aus dem Mund eines bedeutenden Kunstwissenschaftlers kamen.
Im Vorfeld hatte ich Wolfgang nur sehr grob angedeutet, worüber ich in meinen ersten Worten sprechen würde. Nun sprach er von dem Lächeln, das er auf so vielen Bildern von mir gesehen hatte.
Während ich ihm zuhörte, musste ich an meinen Besuch bei ihm in Leipzig denken. Es war Februar gewesen, und draußen lag Schnee. Als ich damals vor seiner Tür stand, hatte Wolfgang mich angesehen und gesagt: „Ihnen scheint es gut zu gehen!“
Auch damals hatte ich gelächelt. Es war schließlich keine Selbstverständlichkeit, im tiefsten Winter einen zufriedenen und lächelnden Wanderer vor der eigenen Haustür zu empfangen.
Was Wolfgang nicht wissen konnte: Auch in meinen vorbereiteten ersten Worten spielte dieses Lächeln eine Rolle. Fast schien es, als hätten wir uns abgesprochen. Und vermutlich lag es auch jetzt auf meinen Lippen, während ich ihm ein letztes Mal schweigend zuhörte, ohne dass ich es bewusst aufsetzen musste.
Es war ein Teil von mir geworden.
Nachdem Wolfgang seinen Vortrag beendet hatte, war mein Moment gekommen. Bis dahin hatte ich auf der Bühne gesessen. Für meine ersten Worte stand ich auf. Ich wollte sie im Stehen und auch nicht hinter einem Rednerpult sprechen, das mir vielleicht einen gewissen Schutz geboten hätte.
Diesen Schutz brauchte ich nicht.
Ich musste mich nicht verstecken, sondern konnte dem Publikum entgegentreten und mich ihm ganz zuwenden.
Als ich dort oben auf der Bühne stand, lauschte ich in mich hinein. Ich war davon ausgegangen, dass mein Herz schnell und heftig schlagen würde. Dass da viel Aufregung sein würde, vielleicht auch jene Zerrissenheit, die ich in den vergangenen Wochen so oft gespürt hatte.
Nichts davon war wahrzunehmen.
Ich staunte über mich selbst und über diese Ruhe. Ich hatte mir vorgenommen, dort oben eine bewusste Pause zu machen und die Stille vor meinen ersten Worten wirken zu lassen. Doch in diesem Moment war keine Inszenierung nötig.
Während ich in die erwartungsvollen Gesichter des Publikums schaute, spürte ich die Dankbarkeit in mir aufsteigen, von der ich gleich sprechen würde. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort stand, bevor ich sie in Worte fasste.
Dann öffnete ich den Mund.
Es kamen tatsächlich Worte heraus. In den ersten Sekunden klang meine eigene Stimme für mich beinahe fremd. Sie war noch zaghaft und nicht raumerfüllend. Wie hätte es nach einem Jahr der Stille auch anders sein können? Ich musste mich selbst erst wieder an ihren Klang gewöhnen.
Aber es war keine heiße Luft.
Unmittelbar nach meinen ersten Worten hatte ich im Ablauf einige gemeinsame Minuten des Schweigens vorgesehen. Die Stille war schließlich einer der wichtigsten Aspekte meiner Reise gewesen. Vielleicht war sie das, was ich in dieser lauten Welt mit anderen teilen konnte.
Nachdem ich gesprochen hatte, saßen wir deshalb für einige Minuten gemeinsam schweigend da. Ich konnte nachwirken lassen, was ich gerade gesagt hatte, und die tiefe Verbundenheit im Raum spüren.
Diese fünf Minuten unterstrichen für mich das zuvor Gesagte. Sie gaben mir die Möglichkeit, nach meinen ersten Worten noch einmal bei mir anzukommen, bevor das Künstlergespräch und die Fragen aus dem Publikum begannen.
Diese Ruhe blieb mir auch im anschließenden Gespräch erhalten. Es fiel mir leicht, Antworten auf die Fragen zu finden. Manchmal war ich selbst erstaunt darüber, was aus meinem Mund kam. Die Worte wirkten nicht ausgedacht, sondern wie etwas, das sich während dieses Jahres in mir gebildet und verinnerlicht hatte.
Vielleicht hatte ich ein Jahr lang nicht gesprochen, aber deshalb nicht weniger nach Worten gesucht.
Es war eine zutiefst bewegende Veranstaltung für mich. Dass sie auch viele Menschen im Publikum berührt hatte, erfuhr ich in den Gesprächen danach.
Diese Worte markierten an diesem Abend das Ende meines Projekts und zugleich den Anfang von etwas Neuem. Mit ihnen möchte ich nun auch den langen Weg meiner Berichte über dieses Jahr beenden.
Wenn ich sie heute wieder lese, habe ich das Gefühl, dass ich sie noch immer genauso sagen würde. Deshalb sollen sie nun für sich selbst stehen.

DIE ERSTEN WORTE
DANKE!
DANKE!
Danke, dass ich ein Jahr lang schweigend durch Deutschland wandern durfte.
Danke, dass ich diese wunderbare Erfahrung machen durfte.
DANKE!
Mein erster und größter Dank gilt meiner Frau – dir Flavia!
Danke, dass du mich hast ziehen lassen.
Danke, dass du zu Hause ein Jahr lang so vieles getragen hast.
Danke, dass du mich unterstützt hast.
Es war keine leichte Zeit. Umso dankbarer bin ich, dass du heute hier bist.
Danke für all die fairen und wichtigen Auseinandersetzungen, die wir in den letzten Jahren geführt haben.
Danke, dass wir immer wieder gemeinsame Wege gefunden haben und beide daran wachsen durften.
Und Danke, dass es dich in meinem Leben gibt.
DANKE!
Ich danke allen Menschen, die sich auf mich eingelassen haben.
Bevor ich losgegangen bin, wusste ich nicht, ob das wirklich funktionieren würde. Ob Menschen sich einem schweigenden Wanderer anvertrauen. Ob sie mit mir gehen, sich mir gegenübersetzen und mir einen Teil ihres Lebens erzählen.
Deshalb danke ich von Herzen allen, die mir ihre Geschichten geschenkt haben.
Die schönen und die traurigen.
Die schweren und die leichten.
Die fröhlichen, die zerbrechlichen, die stillen und die aufbauenden.
Für viele war das kein Selbstläufer. Manche waren nervös. Einige haben mir später erzählt, dass sie in der Nacht davor schlecht geschlafen haben.
Wie wird das sein, mit jemandem unterwegs zu sein, der nicht spricht?
Was erzähle ich ihm?
Was passiert mit meinen Worten, wenn keine Antwort kommt?
Und trotzdem haben sie den Mut aufgebracht, mir zu begegnen, mich zu begleiten und mich an ihrem Leben teilhaben zu lassen.
Danke für dieses unglaubliche Vertrauen.
DANKE!
Ich möchte meinen Füßen danken.
Sie haben mich 3.500 Kilometer durch Deutschland getragen. Sie hatten Blasen und Frostbeulen. Sie haben geschmerzt. Ich bin barfüßig in Dornen getreten, habe sie in nasse und gefrorene Schuhe gezwängt, und oft konnte ich sie über viele Tage nicht waschen.
Und doch haben sie sich immer wieder erholt.
Sie haben mich weitergetragen.
Sie haben mir Halt gegeben.
Sie haben mich Schritt für Schritt hierhergebracht.
Dieser Dank an meine Füße steht stellvertretend für meinen ganzen Körper. Für alles, was er getragen, ausgehalten und möglich gemacht hat.
DANKE!
Ich möchte auch meinem Wanderstock danken.
Er hat mich 3.500 Kilometer begleitet. Er hat mir Halt gegeben. Er war Zeltstange und Redestab.
Wenn ich diesen Stock auf einem gemeinsamen Stück Weg weitergab, hieß das für mich: Jetzt bist du dran. Jetzt schenke ich dir meine volle Aufmerksamkeit.
Eine Frau, die ihn in der Hand hielt, sagte einmal:
„Der fühlt sich sehr mächtig an. Wie ein Zauberstab.“
Für mich war eher ein treuer Begleiter, der mir Halt gegeben hat, wenn ich ins Straucheln geraten bin.
Und er steht für all die Dinge, die mich auf diesem Weg geschützt und begleitet haben. Für den Rucksack, das Zelt, den Hut, die Schuhe, den Schlafsack, die Thermoskanne und vieles mehr.
Ohne diese Dinge wäre diese Reise nicht möglich gewesen.
Auch ihnen gilt mein Dank.
DANKE!
Einen Ausrüstungsgegenstand muss ich trotzdem noch besonders erwähnen: meine Regenhose.
Diese Hose habe ich in diesem ganzen Jahr nur einmal getragen. Vor zwei Wochen im Schwarzwald, als es ein bisschen geregnet hat. Eigentlich wäre es auch an diesem Tag nicht unbedingt nötig gewesen. Ich wollte sie wenigstens einmal anziehen, damit ich sie nicht völlig umsonst so viele Kilometer im Rucksack getragen habe.
Für mich steht diese Regenhose für das unglaubliche Glück, das ich auf diesem Weg hatte.
Natürlich hat es geregnet. Manchmal sogar sehr viel.
Aber meistens zog der Regen an mir vorbei. Oder er kam, während ich einkaufen war, während ich Station machte oder im Zelt lag. Und wenn ich unterwegs war, dann war er nie so stark, dass ich diese Regenhose wirklich gebraucht hätte.
In einem ganzen Jahr.
Bei mehr als 200 Wandertagen.
Das erfüllt mich mit großer Demut.
Ähnliches gilt für meine Gesundheit. Ich war zweimal erkältet und hatte einmal eine Magen-Darm-Geschichte. Das war jedes Mal nicht schön. Aber im Großen und Ganzen bin ich von so vielem verschont geblieben, was unterwegs hätte passieren können.
Dafür bin ich unendlich dankbar.
DANKE!
Ich danke allen, die mich bei sich zu Hause aufgenommen haben.
Ihr habt mir nicht nur eure Geschichten geschenkt.
Ihr habt mir ein warmes Bett gemacht, mich mit bestem Essen versorgt und mir für kurze Zeit ein kleines Zuhause gegeben.
Und so oft ich auch eingeladen war: Ich habe mich nie fehl am Platz gefühlt.
Nie hatte ich das Gefühl, möglichst schnell wieder weiterziehen zu müssen.
… Und ich war bei sehr vielen Menschen zu Gast.
Danke für diese großartige Gastfreundschaft.
Manchmal nur für ein paar Stunden.
Meistens für eine oder zwei Nächte.
Manchmal auch für etwas länger.
Es war herzerfüllend, wärmend und verbindend.
DANKE!
Ich danke allen, die dieses Projekt möglich gemacht haben.
Den Menschen, die mich eingeladen haben.
Den Menschen und Institutionen, die Räume geöffnet haben.
Den Menschen, die an mich geglaubt haben.
Den Menschen, die gespendet haben.
Den Menschen, die gekocht, geplant, vermittelt, gefragt, organisiert, getragen und mitgedacht haben.
Den Menschen die programmiert, gestaltet, dokumentiert, fotografiert, gefilmt und mir ihr Material und ihr Können zur Verfügung gestellt haben.
Den Stiftungen, Städten und Förderern. Sie haben den Boden bereitet, auf dem dieses Wagnis überhaupt erst möglich wurde.
Ein besonderer Dank gilt Becky. Sie hat im Hintergrund so vieles gehalten, was ich unterwegs schweigend nicht organisieren konnte. Sie hat Anfragen gestellt, Verbindungen gesucht und ist eingesprungen, wenn mir die Dinge über den Kopf gewachsen sind.
All diese Unterstützung war die Grundlage dafür, dass ich überhaupt losgehen – und unterwegs sein konnte.
DANKE.
Nach diesem einen Jahr ist da eine große Dankbarkeit in mir. Für Menschen.
Für Orte.
Für Dinge.
Für Zufälle.
Für Bewahrung.
Für Unterstützung.
Für all das, was diesen Weg überhaupt erst möglich gemacht hat. Ich finde es wichtig, diese Dankbarkeit auszusprechen.
Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum ich meine ersten Worte diesem Dank widme.
Dankbarkeit war vielleicht das, was mich über weite Strecken überhaupt getragen hat.
Denn neben all dem Schönen ist auch vieles passiert, worauf ich gerne verzichtet hätte. Die Last meines über zwanzig Kilo schweren Rucksacks wurde auch nach einem Jahr nicht leichter. Manchmal war sie schlicht erdrückend.
Es gab Absagen. Viele Absagen. Auf Förderanträge, auf Bitten um Unterkünfte, auf Anfragen für Stationen. Oft waren diese Absagen verständlich. Aber sie waren trotzdem schmerzhaft. Es gab Frust, enttäuschte Hoffnungen und immer wieder die Frage, wie es weitergehen soll.
Mir blieben in den ersten Monaten unterwegs oft nur etwa 400 Euro im Monat für meinen Alltag. Damit kommt man nur zurecht, wenn man sehr bescheiden lebt.
Dazu kam der Winter. Im Januar und Februar gab es Wochen, in denen das Thermometer kaum über null Grad stieg. Vereiste Straßen. Kalter Wind. Ein kaltes Zelt. Manchmal habe ich zwei Wochen lang keine Sonne gesehen, obwohl ich die ganze Zeit draußen war.
Ich möchte keine falsche Romantik erzeugen.
Dankbarkeit sorgt nicht dafür, dass eine Förderung bewilligt wird.
Sie sorgt nicht dafür, dass mehr Geld auf dem Konto ist.
Sie wärmt keine eisigen Füße.
Sie nimmt einem nicht automatisch die Sorgen in schwierigen Zeiten.
Dankbarkeit ist keine Lösung.
Aber ich habe unterwegs gemerkt, wie wichtig sie trotzdem für mich wurde.
Denn sie bildete ein starkes Gegengewicht.
Wenn es schwierig wird, verengt sich der Blick. Man sieht nur noch das, was schiefläuft. Was wehtut. Was kalt ist. Was fehlt. Was Sorgen macht.
Dankbarkeit macht das Schwere nicht ungeschehen. Aber sie macht den Raum wieder größer.
Wenn mir in so einem Moment jemand Geld für eine Übernachtung gespendet hat, dann war dieses Bett nicht einfach nur ein Bett. Es war Wärme. Schutz. Ein Abend, an dem ich nicht funktionieren musste.
Wenn jemand für mich gekocht hat, dann war dieses Essen nicht einfach nur ein Essen. Es war Zuwendung. Aufmerksamkeit. Die Erfahrung, gesehen zu werden.
Wenn mir jemand die Tür geöffnet hat, dann war das nicht einfach nur eine Unterkunft. Es war Vertrauen.
Aus diesem größeren Raum heraus konnte ich wieder Kraft schöpfen. Die Kraft, mich den Problemen zuzuwenden. Oder wenigstens die Kraft, das zu tragen, was sich gerade nicht ändern ließ.
Je weiter dieser Blick wurde, desto mehr habe ich entdeckt, wofür ich dankbar sein konnte.
Für die ersten Sonnenstrahlen, die mir ins Gesicht schienen.
Für einen Fuchs, der mir auf dem Weg entgegenkam und mich aus meinen Gedanken riss.
Für den bloßen Umstand, dass ich fähig war, den nächsten Schritt zu tun.
Ich habe in diesem Jahr sogar gelernt, für manches Schwierige im Nachhinein dankbar zu sein, weil ich daran wachsen durfte.
Und immer öfter lag ein Lächeln auf meinen Lippen. Manchmal sogar in Situationen, in denen es überhaupt nicht gepasst hat: Alleine im eisigen Wind auf einem Feldweg im Winter. Keine Kamera, keine Begleitung, der ich es schenken konnte.
Es war nicht da, weil alles gut war. Nicht, weil die Sorgen verschwunden waren. Sondern weil neben ihnen auch etwas anderes da sein durfte. Wärme. Vertrauen. Verbundenheit. Dankbarkeit.
Vielleicht bleibt ein solches Lächeln nicht nur bei einem selbst. Vielleicht spürt es jemand. Vielleicht wird dadurch ein Gespräch leichter. Vielleicht öffnet sich eine Tür, mit der man nicht gerechnet hat.
So habe ich es unterwegs immer wieder erlebt: Aus Dankbarkeit entstand Wärme. Aus Wärme entstand Begegnung. Und aus Begegnung wuchs wieder neue Dankbarkeit. Dankbarkeit hilft mir, vor dem Schwierigen nicht wegzulaufen.
Sie hilft mir, es auszuhalten. Manchmal auch, es anzunehmen. Und daran zu wachsen.
Ich weiß nicht, welchen Rucksack jeder und jede heute Abend mitgebracht hat und wie schwer er ist. Ich kenne die Wege nicht, die euch hierhergeführt haben. Und ich weiß nicht, welche Sorgen mit euch hier im Raum sitzen, ganz privat, politisch oder gesellschaftlich.
Aber ich habe auf diesen 3.500 Kilometern eine Erfahrung gemacht, die ich heute Abend einfach hier in den Raum stellen möchte:
Dankbarkeit löst keine Probleme.
Aber sie kann den Menschen stärken, der ihnen begegnen muss.
Und genau deshalb wünsche ich mir für mich selbst am Ende dieses Kunstprojekts, dass ich mir etwas von dieser Haltung in mein sprechendes Leben – in meinen Alltag hinüberretten kann.
Und wenn heute Abend ein kleiner Funke dieser Dankbarkeit von meiner Reise hier im Raum bleibt, dann ist mein Weg hier heute Abend nicht zu Ende, sondern er fängt mit euch erst richtig an.
DANKE!
Die Einführung von Wolfgang Ullrich, meine ersten Worte und das anschließende Künstlergespräch können hier im Video der Veranstaltung angesehen werden:
