Tage 348–351 – Ein anderer Weg – Unterwegs mit Flavia – Zu Gast bei Steffi und Christoph

Am Morgen war ich der Erste, der in der Blitzhütte wach wurde. Neben den beiden Schlafenden in dem beengten Raum zu meditieren, hätte sich nicht gut angefühlt. Deshalb nahm ich meine Unterlage und den Schlafsack mit nach draußen. Es war empfindlich kalt geworden. In den Schlafsack gewickelt setzte ich mich in die Stille, genoss die Morgenstimmung im Wald und ging in mich, bis die beiden wach wurden.
Nachdem sie ihre Sachen gepackt hatten und bereit waren aufzubrechen, fragte mich die junge Frau, ob sie mich für meinen weiteren Weg und mein Projekt segnen dürfe. Ich bejahte. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter und sprach frei. In ihren Worten griff sie vieles von dem auf, was sie über mich und mein Projekt erfahren hatte, und bat darum, dass ich auf meinem weiteren Weg behütet sein möge.
Auf dieser Reise war ich immer wieder gesegnet worden: von Priestern, einer Nonne und anderen gläubigen Menschen, die mir damit etwas Gutes auf den Weg geben wollten. Ich kannte das aus meiner Kindheit. Ohne einen Segen am Morgen verließ ich früher nicht das Haus. Es war ein Ritual, das uns noch einmal miteinander verband, bevor wir uns verabschiedeten.
In meiner Jugend lehnte ich es ab. Ich sah darin keinen Sinn mehr. Wenn mein Vater mich segnen wollte, ertrug ich es nur widerwillig. Ich wollte diese Verbindung nicht mehr.
In meinem heutigen Leben kommt es eigentlich nicht mehr vor, dass mich jemand segnen möchte, und vor dieser Reise hätte ich nicht im Traum damit gerechnet. Mein Schweigejahr war als Kunstprojekt angelegt. Dass ich dabei so häufig spirituellen Menschen begegnen und von ihnen gesegnet werden würde, hatte ich nicht erwartet. Heute kann ich einen Segen wieder annehmen. Und doch spüre ich noch immer beides in mir: den alten Widerstand, der eng verbunden ist, mit meiner Familiengeschichte und zugleich die Dankbarkeit darüber, dass mir jemand auf diese Weise wünscht, behütet weiterzugehen.
Als die beiden aufgebrochen waren, hatte ich die Hütte noch etwa zwei Stunden für mich allein. Bis zu meinem Treffpunkt mit Flavia auf dem Kniebis bei Freudenstadt waren es nur sieben Kilometer, und sie würde erst gegen 13 oder 14 Uhr ankommen. Endlich hatte ich etwas Zeit, um zu schreiben und einige der vielen E-Mails zu beantworten.
Als ich mich später auf den Weg machte, wehte ein kühler Wind über den Schwarzwald. Die Wolken zogen schnell über den Himmel. Wenn die Sonne für einen Moment zwischen ihnen hervorkam, wurde es halbwegs angenehm. In der Ferne sah ich jedoch immer wieder einzelne Regenschauer niedergehen.

Wenn das Wetter gut war, konnte sich Flavia durchaus dafür begeistern, zu wandern und unter freiem Himmel zu schlafen. Enge Zelte und Regen mochte sie dagegen überhaupt nicht. Bei früheren Unternehmungen hatte ich sie trotzdem zum Mitkommen überredet, und zu oft hatten die Bedingungen dann tatsächlich nicht gestimmt. Deshalb war sie auch diesmal skeptisch geblieben.
Dass sie sich schließlich darauf eingelassen hatte, mich einige Tage zu begleiten, lag auch an unserer Ausweichmöglichkeit. Christoph, ein enger Freund aus meiner Studienzeit, hatte angeboten, uns bei schlechtem Wetter bereits am Freitagabend bei sich und seiner Familie aufzunehmen. Am Samstag hätte mein Weg ohnehin an ihrem Zuhause vorbeigeführt.
Ich hoffte dennoch, dass Flavia wenigstens eine Nacht mit mir draußen verbringen würde. Nach all den Monaten im Wald wollte ich diese Erfahrung gerne mit ihr teilen. Sie wäre dagegen am liebsten direkt zu Christoph gegangen und nur mit einem kleinen, leichten Rucksack gewandert. Wir einigten uns darauf, erst einmal zu schauen, wie sich das Wetter entwickelte. Schlafsack, Isomatte und Essen brachte sie mit, alles Weitere hatte ich dabei.
Ich kam etwa eine Stunde vor ihr auf dem Kniebis an. Während ich an der Bushaltestelle wartete, ging ein kräftiger Regenschauer nieder. Sofort merkte ich, wie ich den Regen zu einem schlechten Vorzeichen für unsere gemeinsame Zeit machte und mir innerlich schon Argumente zurechtlegte: Der Regen sei gar nicht so schlimm, es komme nur auf die Einstellung an. Dabei wusste ich, dass ich damit bei ihr nicht weit kommen würde. Es fiel mir schwer, diese Erwartungen loszulassen.
Als Flavia aus dem Bus stieg, war der Schauer bereits weitergezogen. Sie wirkte gut gelaunt, obwohl sie in der Nacht zuvor nur wenig geschlafen hatte.
Der Wald rund um den Kniebis war von alten Bäumen durchzogen. An manchen Stellen öffnete er sich und gab den Blick über den Schwarzwald frei. Während wir losgingen, kam auch die Sonne immer häufiger hervor. Die Stimmung zwischen uns war gut, was mich sehr erleichterte. Das Gehen und die schöne Natur taten ihr Übriges.
Für den Nachmittag hatte ich eine relativ kurze Strecke herausgesucht. Unser Ziel war der Sankenbachsee in der Nähe von Baiersbronn. Ich war schon einige Male dort gewesen, auch mit Flavia. Bei gutem Wetter konnte man im See baden, und es gab eine Feuerstelle, an der wir am Abend ein Feuer hätten machen können.
Der See lag wunderschön am Ende eines Tals, tief eingebettet zwischen den Wäldern. Dort unten waren wir etwas vor dem kalten Wind geschützt, der auf der Höhe geweht hatte. In der Sonne war es angenehm. Sobald sie hinter einer Wolke verschwand, wurde es jedoch schnell wieder kühl.
Schon auf dem Weg hinunter verabschiedete ich mich innerlich von der Vorstellung, dass wir dort übernachten würden. Die Stimmung zwischen uns war gut, aber ich spürte auch, wie fragil sie noch war. An diesem Abend schien es mir wichtiger, dass Flavia sich wohlfühlte und nicht gleich an ihre Grenzen kam.
Ich würde sie nicht überreden. Wenn sie die Nacht von sich aus dort verbringen wollte, würde ich mich freuen. Ansonsten würden wir einen anderen Weg finden.
Am See standen überall Schilder, die das Campen verboten. Die Hütten in der Umgebung wirkten auf Flavia nicht besonders einladend, und das Wetter war noch immer zu unsicher, um einfach unter freiem Himmel zu schlafen.

Ich fragte sie schließlich, was sie lieber wollte: dortbleiben oder Christoph bitten, uns weiter unten im Tal abzuholen. Am nächsten Morgen könnten wir an den See zurückkehren, sodass ich meinen Weg durch Deutschland an derselben Stelle und ohne Unterbrechung fortsetzen konnte. In meiner Frage schwang noch die leise Hoffnung mit, dass die schöne Umgebung sie vielleicht doch dazu bewegen würde, sich auf eine Nacht draußen einzulassen.
Aber Flavias Antwort war eindeutig: Sie wollte gerne bei Christoph übernachten.
Unter diesen Umständen fiel es auch mir leicht, die Entscheidung anzunehmen.
Bevor wir aufbrachen, sprang ich noch kurz in den See. Das kalte Wasser kostete Überwindung, aber es fühlte sich an, als würde ich die letzten Reste der Krankheit und meine Erwartungen an diese Tage einfach abwaschen.
Christoph erklärte sich bereit, uns abzuholen, und wir verbrachten einen schönen Abend mit seiner Familie.
Als wir am nächsten Morgen zu viert an den See zurückkehrten, war es wärmer. Diesmal gingen wir alle ins Wasser. Nach kurzem Zögern entschied sich auch Flavia, mitzukommen. Auf mich wirkte es, als hätte das Wasser auch bei ihr etwas gelöst. Als wir herauskamen, begegneten wir uns mit einer Leichtigkeit, die nach der langen Zeit der Trennung und angesichts all der ungeklärten Themen zwischen uns keine Selbstverständlichkeit war.
Die zwölf Kilometer vom See bis zu ihrem Zuhause wollten Flavia und Steffi mich zu Fuß begleiten. Christoph fuhr mit dem Auto zurück, um ein spätes Mittagessen vorzubereiten, das auf uns warten sollte, wenn wir ankamen.

In den vergangenen Jahren waren wir regelmäßig ein- oder zweimal im Jahr für einige Tage bei Steffi und Christoph im Schwarzwald gewesen. Auch während meiner zweiwöchigen Unterbrechung über Weihnachten und Neujahr hatten wir sie besucht und mit ihrer Familie und Freunden Silvester gefeiert. Diese Begegnung fühlte sich deshalb nicht wie eine weitere Station meiner Reise an, sondern wie einer unserer vertrauten Besuche. Selbst mein Schweigen änderte daran wenig.
Über meine Freundschaft mit Christoph, die bis in unsere Studienzeit zurückreicht, hatte ich bereits ausführlich geschrieben, als er mich in der Nähe von Regensburg begleitet hatte. Später war er mit mir im Kanu den Rhein hinuntergefahren. Doch auch zwischen Steffi und mir war im Laufe der Jahre eine eigene, enge Freundschaft entstanden.
Steffis Geschichte berührt mich besonders. Ich kenne sie, seit ich Steffi kenne, und doch ist sie nie abgeschlossen oder endgültig auserzählt. Der Verlust ist ein prägender Teil ihres Lebens, den sie weder verdrängt noch versteckt. Immer wieder wird darüber gesprochen. So auch in diesen Tagen.
Steffi verlor ihren ersten Mann, als ihre Tochter Johanna gerade zwei Jahre alt war. Nichts hatte zuvor auf eine Krankheit hingedeutet. Die beiden standen mitten im Leben, hatten gemeinsame Pläne. Und plötzlich war er nicht mehr da.
Zurück blieben Steffi und ihre kleine Tochter. Von einem Moment auf den anderen lag die gesamte Verantwortung auf ihren Schultern. Dazu kamen die Trauer und der Schmerz.
Jedes Mal, wenn ich davon höre, berührt es mich tief. Zugleich weiß ich, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie einschneidend eine solche Erfahrung sein muss. Und doch sitze ich heute einer Frau gegenüber, die einen Weg gefunden hat, mit diesem Verlust weiterzuleben.
Später lernte sie Christoph kennen. Auch er hatte früh seinen Vater verloren und brachte deshalb, wie Steffi mir in diesen Tagen zum ersten Mal erzählte, ein besonderes Verständnis für ihren Schmerz und ihre Trauer mit. Gemeinsam gelang es ihnen, einen Raum zu schaffen, in dem beides seinen Platz haben durfte: der Verlust und die Erinnerung an Johannas Vater ebenso wie ihre Liebe und die Möglichkeit einer neuen Zukunft.
Christoph war bereit, die Vaterrolle für Johanna ganz zu übernehmen. In all den Jahren habe ich ihre Beziehung als selbstverständlich und innig erlebt. Später kam ihr gemeinsamer Sohn Wenzel hinzu, und aus ihnen wurde die Familie, bei der wir nun zu Besuch waren.
Doch nicht nur die Beziehung zu Christoph und das neue gemeinsame Leben halfen Steffi dabei, mit dem Verlust umzugehen. Irgendwann fand das Erlebte auch Eingang in ihr Schreiben.
Steffi ist Lehrerin aus Leidenschaft und unterrichtet Deutsch und Englisch. Lesen und Schreiben waren schon immer ein wesentlicher Teil ihres Lebens und ihres kreativen Ausdrucks. An ihrer Schule leitet sie Theater-AGs und inszeniert aufwendige Stücke. Mit ihrer Begeisterung gelingt es ihr immer wieder, Jugendliche für Literatur und Theater zu gewinnen und etwas in ihnen zu bewegen.
Auch als Autorin war sie längst erfolgreich, bevor sie begann, über den Tod ihres ersten Mannes zu schreiben. Ihr erstes Jugendbuch hatte viele Leserinnen und Leser gefunden und zahlreiche Besprechungen erhalten, auch in überregionalen Zeitungen.
Das Schreiben begann für Steffi also nicht erst mit der Trauer. Aber irgendwann fand sie darin eine Form, dem Erlebten einen Ausdruck zu geben. Sie schrieb ein Jugendbuch über einen plötzlichen Verlust und darüber, wie eine Familie versucht, mit dem weiterzuleben, was geschehen ist.
Vielleicht lag es nahe, diese Geschichte für junge Menschen zu erzählen, mit denen sie täglich arbeitet und denen sie etwas mitgeben möchte. Doch das Buch entstand nicht nur für ihre Schülerinnen und Schüler. Es entstand auch für ihre eigene Tochter, die noch sehr klein gewesen war, als sie ihren Vater verlor, und auch zur Zeit des Schreibens noch zu jung war, um wirklich zu verstehen, was geschehen war.
Die Widmung auf einer der ersten Seiten lautet:
„Für dich, Johanna, später.“
In dem Buch mit dem Titel „Der große schwarze Vogel“ stirbt nicht der Vater, sondern plötzlich die Mutter. Aus der Sicht eines Jungen wird erzählt, wie er, sein Bruder und sein Vater die erste Zeit nach ihrem Tod erleben und damit klarkommen – oder eben nicht. Mit einem Mal ist nichts mehr, wie es war.
Auf dem Klappentext steht:
„Doch manchmal geht das Leben nicht nur irgendwie weiter, sondern es passieren neue, verwirrende und ganz wunderbare Dinge.“
Diese Worte stehen für mich auch sinnbildlich für Steffis eigenes Leben. Die neuen und wunderbaren Dinge nahmen der Trauer nicht ihre Bedeutung, aber sie traten neben sie.
Der Verlag wollte auch dieses Manuskript veröffentlichen. Zugleich riet man Steffi, auf ihr erfolgreiches erstes Buch nicht gleich eine so schwere Geschichte folgen zu lassen. Deshalb schrieb sie zunächst noch ein weiteres Jugendbuch, bevor schließlich auch „Der große schwarze Vogel“ erschien.
Vielleicht brauchte auch dieses Buch seine eigene Zeit.
Als es veröffentlicht wurde, fand es viele Leserinnen und Leser. Steffi reiste durch Deutschland und las an Schulen und anderen Orten daraus vor. Besonders wichtig waren ihr die Gespräche, die sich anschließend entwickelten. Durch ihren offenen Umgang mit dem Thema öffnete sie auch anderen Türen. Manche Jugendliche begannen, von ihren eigenen Verlusten und Erfahrungen zu erzählen.
Vielleicht erlebten einige von ihnen dabei auch, dass es selbst dann weitergehen kann, wenn zunächst nichts mehr einen Sinn zu ergeben scheint.
Steffi hat einen Weg gefunden, mit ihrer Trauer zu leben, ohne sie zu verdrängen. Und sie hat ihrem Erleben in einem Buch eine Form gegeben, die auch andere Menschen erreichen und ihnen Mut machen kann.
Auch mir macht ihre Geschichte Mut. Sie erinnert mich daran, dass aus dem, was ich noch nicht verstehe und woran ich schwer zu tragen habe, irgendwann etwas Neues entstehen kann. Nicht, weil das Schwere dadurch einen Sinn bekommen muss, sondern weil es vielleicht eines Tages einen Ausdruck findet und sich etwas anderes daneben entwickeln darf.
Auch während unseres Besuchs war diese Geschichte immer wieder gegenwärtig. Nie in dieser Ausführlichkeit, sondern eher in einzelnen Sätzen und kleinen Bezügen. Sie tauchte auf, wenn es um die Vergangenheit und um Johannas Vater ging oder darum, dass Johanna ihre Großeltern besuchte, zu denen sie bis heute einen engen Kontakt hat. Aber auch dann, wenn wir darüber sprachen, wie man mit den Schwierigkeiten der Gegenwart umgeht.
Denn eine solche Erfahrung verändert den Blick auf das eigene Leben.
Dazu später mehr.

Mit Flavia verbrachte ich zwei wunderschöne Tage in der Familie. Ich schrieb in dieser Zeit viel auf meinem Tablet, und der Austausch tat mir unglaublich gut. So kurz vor dem Ende meiner Reise konnte ich mit vertrauten Menschen auf das vergangene Jahr zurückblicken und zugleich Flavia neu begegnen.
Es war gut, nicht darauf bestanden zu haben, draußen zu übernachten. Statt nur meine eigenen Vorstellungen verwirklichen zu wollen, hatte ich darauf geachtet, was in diesem Moment für uns beide stimmte, und mich auf einen anderen Weg eingelassen.
Es fühlte sich nicht wie ein Kompromiss an, bei dem jeder auf etwas verzichten musste. Es war einfach ein anderer Weg. Und es hatte sich gelohnt, ihn einzuschlagen.