Tage 362 - 365 – Ein letztes Mal zuhören – in Stuttgart

Vier Tage lang wollte ich in Stuttgart noch einmal zuhören, bevor mein Projekt zu Ende ging. Allen, die mir noch nicht als Schweigendem begegnet waren und wissen wollten, wie sich eine solche Begegnung anfühlt, wollte ich dazu ein letztes Mal die Möglichkeit geben, ehe ich in die sprechende Welt zurückkehren würde. Sechs Stunden täglich, von 11 bis 17 Uhr, hatte ich angekündigt, vor dem Hospitalhof zu sitzen.
Ich konnte überhaupt nicht einschätzen, ob ich in diesen Tagen überrannt werden würde oder ob ich schon so viel über mein Zuhören berichtet hatte, dass sich für viele eine persönliche Begegnung erübrigte. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als diesen Raum zur Verfügung zu stellen und abzuwarten, was geschehen würde.
Am ersten Tag geschah lange Zeit überhaupt nichts.
Es war wie an meinem allerersten Tag in Stuttgart, als sofort die Zweifel aufgekommen waren: Ist das nicht alles vollkommen verrückt, was ich hier mache? Was geschieht, wenn sich niemand zu mir setzen möchte? Würde mein Projekt scheitern, bevor es überhaupt begonnen hatte?
Auch jetzt tauchten wieder Gedanken dieser Art auf: Warum kommt niemand? Hatte ich mein Angebot nicht ausreichend angekündigt?
Die Unsicherheit war also noch da, selbst nach einem solchen Jahr und am Ende eines Projekts, nach dem man hätte meinen können, ich müsste vor Selbstbewusstsein beinahe platzen.
Und doch war etwas anders. Diese Gedanken beherrschten mich nicht mehr. Sie tauchten auf, ich nahm sie wahr und konnte sie wieder loslassen. Ich wusste, dass ich niemandem mehr etwas beweisen musste, mir selbst am allerwenigsten.
Ich hatte so vielen Menschen zugehört, dass es in Ordnung gewesen wäre, wenn sich in diesen vier Tagen kein einziger mehr zu mir gesetzt hätte. Vielleicht war es einfach eine letzte kleine Prüfung: Wie würde ich mit der Situation umgehen, wenn nicht das eintrat, was ich mir gewünscht hatte, und ich zunächst allein blieb?
Wieder einmal verkniff ich es mir, ständig mein Handy herauszuholen und nachzusehen, ob mir jemand geschrieben oder sich für später angekündigt hatte. Ich durfte einfach dasitzen und den Platz wahrnehmen.
Zur Mittagszeit füllte er sich mit lauten Schülerinnen aus dem nahe gelegenen Mädchengymnasium, die mich alle zu ignorieren schienen, als wäre ich gar nicht da. Als dieser Schwung vorüber war und sich die Schülerinnen auf die Geschäfte und Straßen ringsum verteilt hatten, kamen die Lehramtsstudierenden, deren Vorlesungen im Gebäude nebenan geendet haben mussten, und all die Berufstätigen, die sich in den Cafés und Restaurants mit Essen versorgten oder einen Tisch belegten.
Es gab so viel zu beobachten. Anders als an den letzten Tagen meiner Wanderung, an denen mir so viele Gedanken durch den Kopf gegangen waren, dass die Landschaft manchmal fast ungesehen an mir vorübergezogen war, gelang es mir nun, mich ganz diesem Treiben zu widmen und der Verlockung des Handys zu widerstehen.
Es war eine Auszeit, in der ich nicht schreiben, nichts organisieren und nichts erledigen konnte. Ich durfte einfach sein. Ich musste diese Zeit nur annehmen, anstatt ungeduldig zu werden.
Vielleicht, dachte ich, würden mich die Sorge, etwas nicht richtig gemacht zu haben, und die Angst, allein zu bleiben, mein ganzes Leben lang begleiten. Früher hatte ich geglaubt, irgendwann erwachsen zu werden und dann keine Ängste und Sorgen mehr zu haben. Später dachte ich, man müsse nur stark genug sein und mit beiden Füßen fest im Leben stehen, dann könne einen nichts mehr aus der Bahn werfen.
Beides war wohl ein Irrtum.
Vielleicht hatte sich im vergangenen Jahr nicht verändert, dass diese Sorgen auftauchten, sondern wie ich mit ihnen umging. Sie wurden nicht mehr sofort existenziell und stellten nicht gleich das ganze Projekt und mich selbst infrage. Ich konnte mit ihnen dasitzen und das Treiben um mich herum beobachten.
Schließlich wurde mein Warten doch noch belohnt, wenn auch nur von zwei Menschen. Eine der beiden Begegnungen blieb mir im Gedächtnis.
Eine Frau erzählte mir von der Geburt ihres Kindes und den ersten Wochen danach. Ich hörte ihr zu, ohne zu ahnen, dass mir dieses Thema schon am folgenden Tag noch einmal begegnen und dadurch eine ganz eigene Bedeutung bekommen würde.

Am zweiten Tag kamen dann die Menschen. Nahtlos ging es von einer Erzählung zur nächsten.
Zuerst kam Christina vorbei, die einen sehr entspannten Eindruck machte. Es war schön, sie zu sehen. Sie war gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt und noch nicht vollständig vom Alltag vereinnahmt.
Christina war eine der ersten Personen gewesen, mit denen ich einige Monate vor dem Projektstart eine Dyade gemacht hatte. Ich wollte herausfinden, ob das, was ich mir ausgedacht hatte, überhaupt funktionieren konnte: Einer schweigt die ganze Zeit, die andere Person erzählt.
Der Druck war damals enorm, weil ich von dieser Erfahrung abhängig machen wollte, ob ich mein Projekt tatsächlich umsetzen würde. Mir gegenüber saß Christina, die ebenfalls Erwartungen hatte und alles richtig machen wollte. Auf uns beiden lag eine große Anspannung, die sich auch auf das Erzählte auswirkte.
Ich glaube nicht, dass es damals leicht war, mir gegenüberzusitzen. Die uneingeschränkte Aufmerksamkeit, die ich meinem Gegenüber schenken wollte, war zugleich mit einem hohen Erwartungsdruck verbunden: Erzähle!
Heute würde ich sagen, dass ich meine eigene Anspannung damals verleugnete. Ich fixierte mich ganz auf mein Gegenüber und versuchte, ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, vielleicht auch, um von mir selbst abzulenken. Ich war noch nicht in der Lage, einfach bei mir zu bleiben und dem anderen Raum zum Erzählen zu geben.
Und nun saß ich derselben Person mehr als ein Jahr später wieder gegenüber. Was für ein Unterschied. Ich erwartete wirklich nichts mehr. Christina hatte meine Texte gelesen und wusste, dass sie einfach sein konnte und nichts liefern musste.
Diese Begegnung fühlte sich vollkommen anders an und zeigte mir, welche Entwicklung ich in diesem Jahr machen durfte.
Später kam Steffen vorbei. Ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr gesehen und erkannte ihn mit seiner Sonnenbrille zunächst nicht.
Er erzählte mir, dass auch er wenige Wochen zuvor Vater worden ist und wie sehr dieses Ereignis sein Leben verändert hatte.
Nun war das Thema der Geburt innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal da, obwohl es während meiner gesamten Reise kaum eine Rolle gespielt hatte. Ich fragte mich, ob mir diese beiden Begegnungen etwas sagen wollten.
Vielleicht berührten sie mich gerade deshalb, weil auch ich kurz vor einem Übergang stand. Natürlich ließ sich das Ende meines Projekts nicht mit der Geburt eines Kindes vergleichen. Und doch lag in diesem Bild etwas, das zu meiner Situation passte: Etwas ging zu Ende, ohne dass ich wusste, was daraus entstehen würde.
Diese Ungewissheit verunsicherte mich manchmal und weckte zugleich Hoffnung.
Ich war gespannt darauf, was aus dem Ende meines Projekts geboren werden würde.
An diesem Tag kam auch Hans-Peter vorbei, der mir unterwegs Kontakte vermittelt hatte und online einer meiner treuesten Begleiter gewesen war. In der Ferienwohnung seiner Familie in Cuxhaven hatte ich einige wunderschöne Tage verbringen dürfen. Später kehrten zwei von drei Schülerinnen um, die bereits an mir vorbeigegangen waren. Sie wollten zwar nichts von sich erzählen, stellten mir aber so kluge Fragen, dass ich merkte, wie sehr mein Angebot sie beschäftigte.
Am Ende des Tages kam Leonie aus dem Hospitalhof herüber, wo sie kurz zuvor mit einer Kommilitonin eine Ausstellung eröffnet hatte. Sie hatte bei mir an der Kunstakademie studiert und auch schon für mich gearbeitet. Voller Fragen bemerkte sie bald selbst, dass es in dieser Begegnung eigentlich nicht darum ging, mich auszufragen. Ich konnte ihren Wunsch nach Antworten gut verstehen und versuchte, ihr schriftlich so viel wie möglich mitzugeben.
Auch in den folgenden Tagen kamen viele Menschen wieder, die mir schon zu Beginn des Projekts begegnet waren oder mich unterwegs begleitet hatten. Es wurde zu einem Heimspiel, beinahe zu einem Déjà-vu. Barbara, die im Jahr zuvor durch einen Zeitungsartikel auf mich aufmerksam geworden war und mir später den Kontakt zur Kapelle der Versöhnung in Berlin vermittelt hatte, saß mir wieder gegenüber. Lilith kam wie damals voller Schwung und mit wunderbaren Falafeln zum Mittagessen vorbei. Wieder hatte sie nur zwanzig Minuten Zeit, bevor sie zu einer Lehrerkonferenz musste. Und Simone brachte wie im Jahr zuvor Eis mit, was das Déjà-vu vollkommen machte.

Auch meine Mutter ließ es sich nicht nehmen, mir noch einmal als Schweigendem zu begegnen. Trotz der großen Hitze, die ihr sehr zu schaffen machte, hatte sie sich auf den Weg nach Stuttgart gemacht. Ich hatte sie zuletzt an Weihnachten gesehen, und unser Wiedersehen berührte mich sehr.
Sie geht inzwischen auf die achtzig zu. Als ich zu meiner Reise aufgebrochen war, hatte ich nicht nur Flavia, meine Freunde und mein gewohntes Leben zurückgelassen. Auch meine Mutter blieb zurück. Die Sorge war mitgewandert, was geschehen würde, falls ihr in diesem Jahr etwas zustieße und sie meine Hilfe brauchte. Ließe sich im Schweigen helfen und alles Notwendige organisieren? Und wann wäre der Punkt erreicht, an dem mein Schweigen unverantwortlich würde und ich für einen anderen Menschen eine Ausnahme machen müsste?
Ich war dankbar, dass es zu einer solchen Situation nicht gekommen war. Nun saß sie wohlbehalten vor mir, und ich durfte ihr zuhören und erfahren, wie es ihr ging. Auch an ihr war dieses Jahr nicht spurlos vorübergegangen. Gleichzeitig spürte ich ihren Stolz auf ihren Sohn, der losgezogen war, um zu wachsen, so viel erleben durfte und nun wieder zurückgekehrt war.
Mitgebracht hatte sie Brötchen und süße Stückchen von meiner Lieblingsbäckerei bei uns zu Hause, wie fast immer, wenn wir uns sehen. In diesem Moment wusste ich: Ich war wieder zu Hause.
Auch eine weitere Begegnung berührte mich besonders.
Petra war eigens aus Brandenburg angereist, um an der Abschlussveranstaltung teilzunehmen. Sie hatte sich bewusst allein auf den Weg gemacht und genoss die Freiheit, ihren Urlaub ganz nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten, mit möglichst vielen Orten und Dingen, die es zu entdecken gab.
Sie war kaum zu bremsen in ihrer Lebensfreude und Energie. Dann begann sie mit ihrer ganzen Lebendigkeit zu erzählen. Es war schön, ihre Kraft zu spüren und ihre Freude darüber, dass sie sich auf den Weg gemacht hatte.
Mich berührte sehr, dass jemand eine so weite Reise auf sich genommen hatte, nur um meine ersten Worte zu hören und mir noch einmal in einer Dyade gegenüberzusitzen.
Am ersten Tag hatte ich befürchtet, dass vielleicht niemand kommen würde. Vor dem letzten Tag beschäftigte mich eine andere Sorge: Würden meine Kräfte bis zu den ersten Worten am Abend reichen?
Für diesen Freitag waren in Stuttgart mehr als 35 Grad angekündigt. Es sollte einer der heißesten Tage in ganz Deutschland werden, möglicherweise mit neuen Hitzerekorden.
An den Tagen zuvor war ich durch die Hitze am Abend immer erschöpft und ausgelaugt gewesen. Doch nun stand das große Ende bevor. Ich musste meine Kräfte einteilen.
Kurzzeitig fragte ich mich, ob es ein Fehler gewesen war, auch an diesem Tag noch Dyaden anzubieten. Wäre es nicht besser gewesen, bei mir zu bleiben, einen kühlen Ort aufzusuchen und alles noch einmal nachwirken zu lassen?
Aber zu Hause hätte ich keine Ruhe gefunden. Dort warteten zu viele Dinge auf mich. Ich hätte mich irgendwohin zurückziehen müssen, vielleicht in den kühlen Wald.
Meine Stühle standen zwar im Schatten großer Bäume, doch der gepflasterte Platz und die umliegenden Gebäude nahmen die Hitze des Tages auf und strahlten sie bis in den Schatten zurück.
Trotzdem kamen auch am letzten Tag Menschen vorbei. Dankbar nahmen sie das Wasser an, das ich ihnen anbot. Manchen lief beim Erzählen der Schweiß über das Gesicht. Ich war erstaunt, wie gut ich selbst mit der Hitze zurechtkam. Sie war da, aber sie drang nicht wirklich zu mir durch.
Nadine, die ebenfalls eine der ersten Test-Dyaden mit mir gemacht hatte, ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen, obwohl das, was sie zu erzählen hatte, schwer auf ihr lag.
An diesem letzten Tag waren jedoch nur wenige Menschen da, die ich bereits kannte. Überwiegend kamen Personen, die mir noch nie begegnet waren, aber von meinem Projekt gehört hatten und sich nun noch ein eigenes Bild davon machen wollten.
Wann immer zwischen zwei Begegnungen eine kleine Pause entstand, holte ich das Manuskript für meine ersten Worte hervor. Ich ging es noch einmal durch und versuchte, es zu verinnerlichen.
In der Vergangenheit hätte mich das wahrscheinlich nervös gemacht. Es hätte mir bewusst gemacht, dass ich am Abend vor vielen Menschen sprechen würde, dass die Presse anwesend sein und alles zu Ende gehen würde. Anschließend würden sich vermutlich viele Menschen mit mir unterhalten wollen. Ich würde im Mittelpunkt stehen, obwohl ich in solchen Situationen manchmal am liebsten ganz weit weg wäre, weil mir alles zu viel wird.
An diesem Tag blieb ich ruhig.
Ich glaube, dass das auch mit den Begegnungen zu tun hatte. Sie brachten mich immer wieder dazu, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein und mich auf mein Gegenüber einzulassen. Mich ihm zuzuwenden, mit ihm in Verbindung zu treten, einfach zuzuhören oder gemeinsam in der Stille zu sein.
Das konnte wie eine tiefe Meditation wirken.
So war ich ganz da. Manche Begegnungen waren so intensiv, dass ich das Gefühl hatte, sie luden mich noch einmal auf. Sie erfüllten mich und gaben mir Kraft für den Abend.
Das Ende durfte kommen.
